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Brief aus Neuseeland

Published in Weltwoche (Zurich), 21 March 2019 (PDF)

In Neuseeland ist man nicht ganz von dieser Welt. Es gibt doppelt so viele Kühe wie Menschen und fünfmal mehr Schafe. Das nächste grössere Nachbarland ist dreieinhalb Flugstunden entfernt. Auf manchen Karten werden wir schlicht vergessen.

Vor allem aber passiert in Neuseeland selten Weltbewegendes. Die Versenkung des Greenpeace- Schiffes «Rainbow Warrior » im Hafen von Auckland durch Agenten des französischen Geheimdienstes, war lange die einzige Ausnahme dieser Regel. Aber selbst das liegt bereits 34 Jahre zurück.

Als zugereister Politikberater hat man sich an die Überschaubarkeit Neuseelands zunächst zu gewöhnen – und lernt sie dann zu schätzen. Neuseeland ist das Land, in dem man mit Spitzenpolitikern sofort per du ist, neben Ministern in der Economy-Class sitzt und der Premierministerin im Supermarkt begegnet.

Seit sieben Jahren arbeite ich in diesem freundlichen Polit-Biotop als Leiter der grössten Denkfabrik des Landes. Doch nach dieser Woche ist nichts mehr, wie es war.

Am Mittwoch, dem 13. März, schreckt das Hauptstädtchen Wellington auf. Der Co-Chef der Grünen, Klimawandel-Minister James Shaw, ist auf dem Weg zum Dienst tätlich angegriffen worden. Shaw war Musik hörend zum Parlament gelaufen, als ihm ein offenbar geistig Verwirrter unvermittelt mit der Faust ins Gesicht schlug. Ich schicke James, den ich gut kenne und schätze, eine besorgte SMS. «Alles halb so wild», schreibt er zurück, «ist nur ein blaues Auge.» In unseren Zeitungen wird trotzdem der Untergang, wenn auch nicht des Abendlandes, so doch zumindest Neuseelands, ausgerufen – so viel Gewalt geht gar nicht. Selbst Spiegel online berichtet plötzlich über uns. Das gibt es sonst nur bei Erdbeben.

Doch war dies nur ein blasser Vorgeschmack auf Freitag, den 15. März. Am frühen Nachmittag erreichen uns erste Nachrichten von einer Schiesserei in Christchurch, der grössten Stadt der Südinsel. Ja, Schusswaffengewalt gibt es hier gelegentlich. Aber meistens passiert dann doch nichts Schlimmes. Selbst die Polizei ist in der Regel unbewaffnet.

Am Freitag ist es anders. Die anfangs vagen Berichte werden langsam konkreter. Erst ist von einer Moschee die Rede, dann von einer zweiten. Und dann dieses Wort, das seit dem Anschlag auf das Greenpeace-Schiff nie wieder benötigt wurde: Terror.

Als das volle Ausmass des Massakers ersichtlich wird, ist es bereits Abend. Mehrere Dutzend Muslime sind beim Freitagsgebet von einem rechtsextremen Australier ermordet worden. Die Zahl der Opfer steigt später auf fünfzig Tote.

Für einen gefühlten Augenblick, der das ganze Wochenende anhält, erstarrt Neuseeland. Gewaltorgien kennen wir nur aus Kinofilmen, Anschläge aus den Weltnachrichten. Aber Terror, hier?

Ich schaue online, wie gewohnt, «BBC Newsnight » und das ZDF-«Heute-Journal». Normalerweise sehe ich diese Sendungen, um einmal «richtige» Nachrichten zu sehen und nicht irgendwelchen neuseeländischen Kleinkram. Nur heute dreht sich alles um Neuseeland. Mein guter Bekannter Raf Manji, Stadtrat in Christchurch, erklärt der BBC, was nun getan werden muss. Marietta Slomka moderiert im «Heute-Journal» Christchurch an und spricht es wie Christ-Stollen aus. Kein Wunder, wir waren nie zuvor auf dem ZDF-Radar.

Am Montag trifft sich unser Team zur Morgenrunde. Stille. Beklommenheit. Niemand weiss, was man sagen soll. Wir sind Terror einfach nicht gewohnt.

In der letzten Woche ist das Weltgeschehen nach Neuseeland gekommen. Als Neuseeländer wünscht man sich nichts mehr, als dass es möglichst bald wieder verschwinden möge.

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