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“House of Cards” in Canberra

Published in Die Weltwoche (Zurich), 30 August 2018 (PDF)

Ein glückliches Land sei es, dieses Australien, und geführt werde es vorwiegend von zweitklassigen Leuten, die sein Glück teilten. So beschrieb der australische Intellektuelle Donald Horne einst den fünften Kontinent in “The Lucky Country” (1964). Mehr als ein halbes Jahrhundert später trifft Hornes Doppelcharakterisierung von Land und politischer Führung immer noch zu. Wenn es eines Beweises bedurfte, so lieferte ihn der Sturz des amtierenden Premierministers Malcolm Turnbull durch die eigene Partei vergangene Woche. Es war der vierte politische Meuchelmord in gerade einmal acht Jahren.

Dieser politischen Instabilität zum Trotz geht es der Wirtschaft glänzend. Australien baut seinen Rekord als Land mit dem längsten ununterbrochenen Wirtschaftswachstum aus. Seit bereits 27 Jahren expandiert die Wirtschaft, dieses Jahr mit erwarteten 3,1 Prozent Wachstum.

Ein boomendes Industrieland mit der Staatsführung einer Bananenrepublik: Donald Horne lässt grüssen. Selbst für Australier ist es schwierig, den Irrungen ihrer Bundespolitik zu folgen. Es gibt sogar einen Twitter­Kanal (@WhoIsPM), der den Namen des gegenwärtig amtierenden Premierministers im Halbstundentakt bekanntgibt. Man kann ja nie wissen.

Wenn selbst Australiern ihre Politik derart suspekt geworden ist, wie kann man sie dann noch Nichteingeweihten erklären? Nun, etwa so: Australische Politik ist das, was man erhält, wenn man eine Laienschauspielschar ermuntert, in Canberra “House of Cards” aufzuführen. Es ist die Verwandlung repräsentativer Demokratie in eine Seifenoper, ein machiavellistisches Psychodrama mit shakespeareschen Ambitionen. Aber der Reihe nach.

Australien hatte einmal eine stabile politische Landschaft. Nach Wirtschaftsreformen unter den Sozialdemokraten Bob Hawke und Paul Keating in den 1980er und 1990er Jahren regierte der Konservative John Howard von 1996 bis 2007. Howard gewann vier Wahlen in Folge und darf sich heute in Umfragen als bester Premierminister aller Zeiten feiern lassen. In seine Amtszeit fallen der Beginn des Mineralienbooms, die Olympischen Spiele von Sydney und die Reduzierung der Staatsschulden auf null.

Australien ging es glänzend, als sich Howard 2007 zur Wiederwahl stellte – und krachend verlor. Howard war erfahren, erfolgreich und entschlossen. Dem verführerischen Charme seines Herausforderers Kevin Rudd hatte er aber nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil: Rudd positionierte sich im Wahlkampf clever als fiskal­konservativer Klon Howards – nur jünger, moderner und Klimawandel­affiner.

Damit nahm das Unheil seinen Lauf, in beiden grossen Parteien. Rudd entpuppte sich als überforderter Mikromanager. Oder, wie es seine Parteifreundin Kristina Keneally ausdrückte, als “psychopathischer Narziss”. Selbst das war noch vornehm ausgedrückt im Vergleich zu dem, was man hinter vorgehaltener Hand über Rudd hören kann.

Seine Labor­Partei verlor schon vor Ablauf der dreijährigen Amtszeit die Geduld mit Rudd und ersetzte ihn durch seine Stellvertreterin Julia Gillard. Deren Pech bestand dann aber darin, dass sie bei der Wahl 2010 nur eine hauchdünne Mehrheit erhielt und fortan ausgerechnet auf Rudds Stimme im Parlament angewiesen war.

Um ihn ruhigzustellen, machte Gillard Rudd also zum Aussenminister. Sein eigentliches politisches Ziel blieb jedoch Rache für seine Entmachtung. Darauf arbeitete er zielstrebig hin und destabilisierte seine eigene Regierung nach Kräften. Kurz vor der Wahl 2013 gelang es ihm angesichts schlechter Umfragen, Gillard zu stürzen. Die Wahl verlor Labor trotzdem.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums verlief die Geschichte ähnlich. Nach Howards Abgang wurde zunächst Brendan Nelson zum Oppositionsführer gewählt.

Nelson hätte wohl auch einen guten Job gemacht, wenn ihn nicht der von Ehrgeiz besessene Malcolm Turnbull schon kurz danach aus dem Amt geputscht hätte.

Seit seiner Jugend wollte Turnbull Premierminister werden. Erst später musste er sich dafür entscheiden, welche Partei zu seinen Ambitionen passte. Es wurde die konservative Liberal Party.

Dummerweise hatte Turnbull aber seit Studienzeiten einen echten konservativen Gegenspieler, der ihm das Leben schwermachte: Tony Abbott. Dieser löste ihn 2009 als Oppositionsführer ab. Angeblich ging es um Klimapolitik, aber eigentlich um Abbott und Turnbull. Abbott wurde dann 2013 Regierungschef, nur um 2015 von Turnbull entmachtet zu werden.

Die jüngste Rochade zu Scott Morrison war wiederum Abbotts Rache, auch wenn er eigentlich seinen Freund Peter Dutton zum Premier machen wollte.

Um Politik ging es bei alldem immer nur am Rande. Für Reformen blieb in der australischen Seifenoper nach John Howard einfach keine Zeit.

Im letzten Jahrzehnt hat Australien somit demonstriert, dass die Wirklichkeit mit der Fiktion von “House of Cards” problemlos mithalten kann. Gegen die Schlangengrube von Canberra wirkt Frank Underwoods Washington nachgerade zivilisiert.

Aber eigentlich hat Australien lediglich Donald Hornes Diktum bestätigt. Nur ein glückliches Land kann sich so eine zweit klassige Führung leisten.

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