Latest posts

Berichte aus Montreal

The following reports were written in Montreal at the UN climate change conference in December 2005. Dirk Maxeiner published them on “Die Achse des Guten”:

Sechsjährige Klima-Aktivisten
http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1432&ref=8

Von Bongos, Ingos und Gongos
http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1438&ref=0

100 Ausdrücke für Klimaerwärmung
http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1442&ref=0

Wir ahnten es: Armut rettet das Klima
http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1458&ref=0

Toronto? Montreal? Egal! Hauptsache, die Amis sind schuld
http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1467&ref=0

And here are the articles (in chronological order):

Sechsjährige Klima-Aktivisten

Von der UN-Klimaschutzkonferenz in Montreal berichtet unser Korrespondent Oliver Marc Hartwich, International Policy Network:

„Wer als Teilnehmer der Klimakonferenz nach Montreal kommt, wird zunächst einmal von der Wahl des Veranstaltungsortes überrascht sein: Während die letzte UN-Konferenz zum Thema im argentinischen Sommer von Buenos Aires stattfand (die Veteranen unter den Konferenzteilnehmern schwärmen noch immer von den heißen Open Air-Parties), hat man sich diesmal für den kanadischen Herbst entschieden. Das heißt konkret Tagestemperaturen um und Nachttemperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Dazu weht ein frischer Wind, und unter einem strahlend blauen Himmel glitzert Schnee auf gefrorenen Böden. Wenn ich meinen kanadischen Freunden glauben darf, ist dies aber noch vergleichsweise mild, denn im ‚richtigen Winter’ fällt das Quecksilber in der Region auch schon einmal auf minus zwanzig bis minus dreißig Grad – von den schweren Schneestürmen und dem gefürchteten Windchill-Faktor ganz zu schweigen.

Und hier, ausgerechnet hier, soll nun also über den Schutz des Planeten vor der Überhitzung debattiert werden? Nach einem kurzen Spaziergang vom Hotel zum Tagungszentrum könnte man aber auch auf die Idee kommen, dass sich zumindest manche Regionen dieser Welt über das eine oder andere Grad mehr nicht beklagen würden.

Vielleicht reflektiert die Außentemperatur aber auch nur den bisherigen Verlauf der Konferenz. In der ersten Woche, die ich noch aus London verfolgt habe, hat es in der entscheidenden Frage der Konferenz – nämlich: was passiert eigentlich, wenn das Kyoto-Protokoll in 2012 ausläuft? – keinerlei Bewegung gegeben. Dies wiederum führte zu einem dem Wetter angepassten frostigen Klima zwischen der Megakoalition der Kyoto-unbedingt-fortsetzen-Woller (allen voran die EU im Verbund mit den üblichen Umweltaktivisten) einerseits und den Kyotogegnern aus den USA, Australien und Saudi Arabien andererseits. Ergebnisse in diesem Streit wurden bislang nicht erzielt und werden, wenn man mit Teilnehmern spricht, auch nicht mehr erwartet – zumindest nicht in diesem Jahr. In 2006 vielleicht, eventuell auch erst in 2007, und hoffentlich bis 2008, so hört man.

Es scheint, als hätte man sich allseits schon nach der ersten Woche auf eine Vertagung der Entscheidungen eingestellt. Umso surrealer wirkt das Treiben auf der Montrealer Konferenz. Hat man es erst einmal geschafft, nach zwei Stunden Schlangestehen einen Akkreditierungsausweis zu erlangen (der im Verlustfall übrigens an die deutsche (!) Adresse des UN-Klimaprogramms zu übersenden ist und nicht etwa bei einer kanadischen Polizeistation abgegeben werden kann), bekommt man als erstes einen umweltfreundlichen Teilnehmerbeutel, der die wichtigsten Informationen zur Konferenz enthält. Daneben aber auch noch – ein pragmatisches Zugeständnis an das Montrealer Mikroklima – eine Wollmütze und einen Wollschal: Danke an die aufmerksame Organisation.

Vergleichsweise realsatirisch wird es dann, wenn man die offizielle Teilnehmermappe aufschlägt: Neben allerlei praktischen Informationen zum Tagungsort („Montrealers walk the streets without fear at all hours of the day and night. The low homicide rate and the dramatic decrease of violent crimes make Montreal one of the safest cities in North America … We urge you to dress adequately because temperatures can change dramatically in a matter of hours … etc.) wundert man sich über eine Kinderzeichnung – in jeder Mappe steckt ein kleines Original-Kinderkunstwerk. Auf meinem sind darauf drei blaue Wolken zu sehen, aus denen es auf ein Männchen, zwei Bäume und drei Blumen auf einer blassgrünen Wiese dicke, blaue Tropfen regnet. Auch die Sonne scheint noch ein wenig aus der linken oberen Bildecke. Der Rückseite entnehme ich, dass dieses Bild ein gewisser „Adolfo – 6 años“ gemalt hat.

Was wollte uns Adolfo also damit sagen? Ganz naiv könnte man vielleicht annehmen, hierbei handele es sich um ein Kind, das sieht, was Mensch und Natur so zum Leben brauchen. Wasser und Sonnenschein sind da ja auch durchaus naheliegend. Aber dabei habe ich ganz vergessen, dass dies hier eine von engagierten Klimaschützern veranstaltete Konferenz ist. Und so entdecke ich in meiner Mappe einen kleinen Beipackzettel, auf dem mir der eigentliche Sinn der Zeichnung erklärt wird. Zitat:

„Draw the line – protect the climate now! What you have in your hand is not simply a child’s drawing, but an illustration of one’s child concern for the environment and the climate. This image not only represents concern but also the child’s commitment to actions that protect our climate.”

Ich fühle mich aufrichtig beschämt: Während ich noch an ein fröhliches Kind dachte, das sich an seiner Umwelt freut, ist dies in Wirklichkeit der Hilfeschrei einer nachwachsenden Generation von Klimaopfern. Aber ganz von allein scheint Adolfo dann doch nicht zu der in seinem Bild ausgedrückten Besorgnis gekommen zu sein. Der Text geht nämlich wie folgt weiter:

„Each child was asked to commit to one action to reduce greenhouse gas emissions and to draw that commitment. These children are committed to protecting the climate because they wish to live in a world of environmentally conscious individuals free from dangerous climate change. This generation of the future is challenging you: Are you ready to take the actions necessary at the UN Conference on Climate Change to protect the climate now?”

Seitdem stelle ich mir die Frage, was ich wohl damals im ersten Schuljahr gemalt hätte, wenn mein Klassenlehrer mir die Aufgabe gestellt hätte, eine den durch den Ausstoß von Treibhausgasen verursachten Klimawandel bekämpfende Massnahme zu bewerten und zu visualisieren. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich in meiner Volkswirtschafts-Diplomprüfung später einmal eine ähnlich gelagerte Frage zu beantworten (dort mußte ich allerdings glücklicherweise nicht malen) und fand auch dies nicht sonderlich einfach. Als Erstklässler wären mir aber außer Wolken, Blumen und Bäumen wohl auch nicht mehr eingefallen – dem kleinen Adolfo offensichtlich auch nicht.

Jedenfalls weiß ich nun, warum ich hier bin: Weil Adolfo und seine Altersgenossen Sorgen um die Zukunft haben. Oder aber zumindest, weil Adolfos Lehrer sich Sorgen machen. Oder aber doch nur, weil die UNO Adolfos Lehrern gesagt hat, dass Adolfo sich gefälligst vor dem gefährlichen Klimawandel zu fürchten hat.

So fängt also umweltpolitische Bewußtseinsbildung in der Grundschule an, und daraus wird dann ein flammender Appell an die Klimakonferenzteilnehmer. Manche nennen das auch Indoktrination und Propaganda. Vielleicht sollte sich Adolfo daher lieber Sorgen vor einer Organisation machen, die kleine Kinder vor ihren Karren spannt, um ihre eigenen Interessen zu vertreten.

Aber das sind ethische Fragen, und wie gut, dass es auch dazu ein side event gibt: „The need to expressly integrate ethics into climate change science and economics“. Dorthin werde ich jetzt gehen und in den nächsten Tagen davon berichten.“

Von Bongos, Ingos und Gongos

“Tschernobyl habe doch gravierende Folgen gehabt, meint Frau Harms. Schließlich sei am Ende sogar die Sowjetunion zusammengebrochen. „Aber ist das etwa eine negative Folge?“ (für die Altlinke Frau Harms vielleicht) kontert Patrick Moore und erntet Gelächter.”

Hier der aktuelle Bericht von von der UN-Klimaschutzkonferenz in Montreal. Korrespondent Oliver Marc Hartwich, International Policy Network:

„Nach dem verheißungsvollen Einstieg in die UN-Klimakonferenz, über den ich gestern an dieser Stelle berichtet habe (http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1432&ref=0), standen für mich danach zwei sogenannte Side Events auf dem Programm. Das sind in der Regel Vorträge oder  Podiumsdiskussionen, die von den an der Konferenz teilnehmenden Verbänden oder Institutionen organisiert werden. Und da es davon ziemlich viele gibt, hat man sie auch gleich im Programm der Konferenz klassifiziert: Alles, was nicht einer Regierung zugeordnet ist, sind NGOs (non-governmental organisations). Diese teilen sich dann wiederum auf in BINGOs (business NGOs), QUANGOs (quasi-non-governmental NGOs) oder INGOs (international NGOs). Gerüchteweise habe ich gehört, dass es inzwischen auch erste GONGOs (governmental non-governmental NGOs) gibt, also im Grunde regierende Nichtregierungen bzw. nicht-regierende Regierungen – letzterer Gedanke ist mir dabei in Anbetracht des Unsinns, den manche Regierung veranstaltet, gar nicht einmal so unsympathisch. Ich selbst vertrete übrigens laut meinem Teilnehmerausweis eine NGO, nämlich das International Policy Network. Da wir aber weder einem (Nicht-)Regierungsapparat angehören noch eine business association sind, sondern ein internationales Think Tank-Netzwerk, schätze ich einfach einmal, dass wir damit INGOs sind. Vielleicht sind wir aber auch eine DONGO (donor-organised NGO), schließlich sind wir spendenfinanziert.

Wie dem auch sei: In der Klimadebatte wimmelt es nur so von NGOs unterschiedlicher Schattierungen, von denen die meisten auf der Montrealer Konferenz präsent sind und dort eine Fülle besagter Side Events organisieren. Nun überrascht es wohl kaum, dass die allermeisten von ihnen der Koalition der Alarmisten zuzuordnen sind. So kann man sich dann anhören, warum die Eskimos Angst vor dem Klimawandel haben („The right to be cold: Inuit defend their human rights in the face of climate change“) oder warum Greenpeace glaubt, dass der Gelbe Fluss in China durch die Erderwärmung verschwindet („The disappearing Yellow River: climate change impacts in China“). Dazu gibt es dann aber auch recht kryptisch klingende Veranstaltungstitel wie jenen des Ghanaischen Institute of Cultural Affairs: „Remember Article 4.1 (d)? I am sure you do“ – aber ehrlich gesagt: Nein, ich erinnere mich nicht. Verpasst habe ich leider auch die südafrikanische Präsentation unter dem Motto „Soccer, the CDM and Sauvignon Blanc“ – und das, obwohl im Anschluss daran die Weinprobe eines südafrikanischen Weinguts auf dem Programm stand.

Man muss eben Prioritäten setzen, und so war ich dann stattdessen auf zwei Side Events, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Das erste wurde vom Tides Center veranstaltet, soweit ersichtlich eine DONGO, und hatte den Titel „The need to expressly integrate ethics into climate change science and economics“, was mich vergleichsweise erwartungsfroh stimmte. Ethik und Ökonomie der Klimadebatte: Wie gerne hätte ich, die Frage diskutiert gehört, wie man es verantworten kann, Milliarden für Klimaschutzprogramme mit ungewissem Erfolg auszugeben, während jedes Jahr 2½ Millionen Kinder wegen Vitamin A-Mangels erblinden, 1,3 Millionen Menschen an Malaria sterben und große Teile der Menschheit keinen Zugang zu elektrischer Energie haben. Wenn es darum ginge, mit den eingesetzten Mitteln einen möglichst großen Effekt zu erzielen, dann wären dies mit Sicherheit Punkte, an denen man ansetzen könnte. Von solcher Verantwortungsethik war die Debatte des Side Event aber weit entfernt. Deren Ethik bestand nämlich zunächst einmal darin, all diejenigen als unmoralisch zu brandmarken, die das Kyoto-Protokoll aufgrund fortbestehender wissenschaftlicher Zweifel an dessen Sinnhaftigkeit ablehnen. „The debate is over,“ wurde uns vom Podium verkündet. Es müsse nun dringend und entschieden gehandelt werden, und wenn es eine Ethik des Klimawandels gibt, dann eben diese. Als Ökonom war ich dann doch etwas überrascht, wie einfach Ethik sein kann. Überzeugt hat mich die Logik allerdings nicht, denn seit wann sind wissenschaftliche Diskussionen unethisch? Seit wann ist es unmoralisch abzuwägen, wie man begrenzte Ressourcen am nutzbringendsten einsetzen kann? Ich wurde das Gefühl nicht los, dass das Wort ‚Ethik’ hier nur vorgeschoben wurde, um kritische Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wer jetzt noch diskutiert, macht sich verdächtig. Ärgerlich nur, dass ich für diese tiefschürfenden Erkenntnisse meinen südafrikanischen Sauvignon Blanc verpasst habe.

Ich sollte allerdings reich entschädigt werden, denn im Anschluss daran gab es gleich das nächste Side Event, diesmal organisiert von der European Nuclear Society (ENS) und der North American Young Generation in Nuclear. Dies sind Zusammenschlüsse  von unter 35-jährigen Beschäftigten in der Kernenergie, also eine Art Mischung aus BINGO und DONGO (BIDONGO?). Geladen waren wir jedenfalls zum angesichts der Organisatoren wenig überraschenden Thema „Let’s take a fresh look at nuclear as part of the solution“. Hauptredner des Abends war Patrick Moore, promovierter Umweltwissenschaftler und einer der Mitbegründer von Greenpeace. Gleich zu Beginn gab Dr. Moore einen Einblick in sein bewegtes Leben in Bildern: Pat Moore in einem Schlauchboot vor einem sowjetischen Walfangschiff, Pat Moore beim Protest gegen Atomwaffentests, Pat Moore als er bei einer Robbenschutzaktion von der Polizei verhaftet wurde (der Robbe hatte es zwar nichts gebracht, aber das Foto ging für Greenpeace um die Welt). Insgesamt sieben Jahre war er im Vorstand von Greenpeace, davon zwei Jahre als Präsident. Pat Moore erzählt mit einer Mischung aus Stolz und Selbstironie von seiner Sturm- und Drangphase als Umweltaktivist.

Doch dann der Bruch: Nach 15 Jahren bei Greenpeace verließ er die Organisation im Jahr 1986. Was war passiert? Moore schildert es so: Jahrelang habe er immer gegen etwas protestiert: Gegen den Walfang, gegen Pestizide, gegen Kernenergie, gegen Atomtests, gegen Supertanker, eigentlich gegen alles. Doch dann hörte er Anfang der 1980er Jahre zum ersten Mal etwas von dem Begriff der ‚nachhaltigen Entwicklung’. Damals war dieser Begriff kaum gebräuchlich und heute wird er oft von Ökoaktivisten für ihre Zwecke instrumentalisiert. Pat Moore aber, ganz Wissenschaftler, verstand ihn eigentlich ganz wörtlich: Natürlich müsse sich die Menschheit weiterentwickeln, nur eben so, dass die Natur dabei keinen Schaden nimmt. „Man kommt einfach nicht um die Tatsache herum,“ sagt Dr. Moore, „dass auf diesem Planeten sechs Milliarden Menschen leben, die jeden Morgen aufwachen und Essen, Energie und Rohstoffe brauchen. Und manche von ihnen, nämlich in den armen Ländern, haben von all dem noch viel zu wenig. Es geht also nicht darum, Verzicht zu predigen, sondern Wege zu finden, wie man auf vernünftige Art und Weise diese Bedürfnisse befriedigt.“ Bei so viel Einsicht in ökonomische und ökologische Vernunft war der Austritt aus Greenpeace da nur folgerichtig.

„Als ich austrat“, sagt Moore, „war aus Greenpeace eine internationale Organisation mit Geschäftsstellen in 21 Ländern und einem riesigen Budget geworden. Gleichzeitig wandelte sich die ehrliche Sorge um die Umwelt zu einer Ersatzreligion. Ich wollte aber ernsthaft nach praktikablen und pragmatischen Lösungen suchen.“ Und das tat er dann auch, wobei er es sich mit seinen früheren Mitstreitern ordentlich verscherzte. „Öko-Judas“ ist da noch einer der harmloseren Ausdrücke, mit denen er mittlerweile beschimpft wird.

Aber Moore sagt, dass er eigentlich all seinen ursprünglichen Überzeugungen treu geblieben ist. Mit einer Ausnahme: Kernenergie. Die hält er inzwischen für einen auf lange Zeit unverzichtbaren Bestandteil des Energiemixes – gerade auch angesichts des Klimawandels, den Moore zwar nicht bestreitet, aber auch Bedenken gegen den Mainstream des sogenannten Klimakonsenses hat. „Konsens,“ sagt Moore, „hat mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun. Es gibt keinen Konsens in der Wissenschaft. Konsens ist ein Begriff aus der Soziologie.“ Er habe keinen Zweifel daran, dass der Planet derzeit wärmer würde, was am Ende einer langen Kaltzeit aber auch nicht weiter verwunderlich sei. Wieviel aber der Mensch zu diesem Effekt beitrage, sei eine nach wie vor offene Frage. Davon abgesehen sei eine Erwärmung auch nicht unbedingt nur negativ zu beurteilen: „Wenn die Gletscher verschwinden, kommen die Bäume zurück und mit ihnen die Bären und die Pflanzen: Was ist besser: Ein großer Eisblock oder ein Tal voller Biodiversität?“ fragt er.

Trotzdem plädiert Moore, wenn auch nur aus Vorsichtsgründen, für eine Rückkehr zur Kernenergie: „Die Wissenschaft hat nachgewiesen, dass Kernenergie heute sicher und umweltverträglich ist. Und es ist völlig unrealistisch, dass Kohle und Kernenergie beide gleichzeitig abgeschaltet und durch alternative Energien ersetzt werden können. Deswegen ist Kernenergie die derzeit beste Option.“ Seinen früheren Greenpeace-Kollegen hält er vor, sie seien durch ihre ideologische Fixierung auf Solar- und Windenergie die größten Hindernisse für effektive Treibhausgasreduktionen. Und um die anwesenden Aktivisten, die sich vor Erregung kaum noch auf ihren Sitzen halten konnten, erst recht auf die Palme zu bringen, erwähnt Moore auch noch, dass selbst beim schwersten bisherigen Unfall in Tschernobyl, der auch nur aufgrund der mangelnden Standards der sowjetischen Kerntechnik passieren konnte, weniger als fünfzig Menschen starben. „Aber 45.000 Menschen sterben jedes Jahr auf Amerikas Straßen: Verbieten wird deswegen das Autofahren?“ fragt Moore.

Nach weiteren Randbemerkungen (gegen die Hockeystick-Kurve, für die Biotechnologie, für die Freiheit, für die Globalisierung, gegen Ökoimperialismus, gegen Subventionen für alternative Energien) hat er dann auch die Letzten der anwesenden Ökoaktivisten gegen sich aufgebracht. Rebecca Harms, die grüne Europaabgeordnete, gibt denn auch am Ende ein langes Statement ab, in dem sie die Gefährlichkeit der Kernenergie betont. Tschernobyl habe doch gravierende Folgen gehabt, meint Frau Harms. Schließlich sei am Ende sogar die Sowjetunion zusammengebrochen. „Aber ist das etwa eine negative Folge?“ (für die Altlinke Frau Harms vielleicht) kontert Moore und erntet Gelächter. Auf ähnlichem Niveau verharren auch die übrigen Aktivisten, bis am Ende ein Vertreter der kanadischen Energiewirtschaft entnervt die Frage stellt, ob man mit Umweltaktivisten überhaupt noch diskutieren könne. „Nein,“ sagt Moore, „wenn man einmal diesen quasi-religiösen Glauben entwickelt hat, ist man für die Vernunft fast verloren. Aber es gehe darum, einer jungen Generation von Umweltschützern zu zeigen, dass es jenseits der Ideologie pragmatische Lösungen für die globalen Probleme gibt.“

Und so ging ein denkwürdiger Abend zu Ende mit einer derart offenen Konfrontation der Umweltaktivisten, die man so auf einer UN-Klimakonferenz kaum erwartet hätte. Allein für den Vortrag von Patrick Moore hat sich die Reise nach Montreal schon gelohnt.“

100 Ausdrücke für Klimaerwärmung

Das Gerücht sagt, Eskimos hätten mehr als 100 Worte für Schnee. Stimmt zwar nicht, ist aber dennoch ein schönes Gerücht. Jetzt haben die Eskimos ein neues Wörterbuch herausgegeben: “Hilaup Aalannguqtirninganut Taiguuhiliqiniq.” Zu Deutsch: „Die Terminologie des Klimawandels”.

Das würde bestimmt unserem Umweltminister Sigmar Gabriel gefallen, nur leider versteht der kein Eskimo-Aleutisch. Macht nichts, Englisch versteht er auch nicht (Sigmar who?). Von der UN-Klimaschutzkonferenz in Montreal berichtet Oliver Marc Hartwich, International Policy Network:

„Wieder ein Tag auf der Klimaschutzkonferenz in Montreal. Sigmar Gabriel soll inzwischen eingetroffen sein, aber ob er die Konferenz noch retten wird, darf bezweifelt werden. „Sigma who?“ ist die Reaktion der nicht-deutschen Teilnehmer auf die Frage, was sie vom neuen deutschen Umweltminister halten. Aber wie können sie etwas von ihm halten, wenn sie ihn nicht einmal kennen? Den Ex-Ministerpräsidenten und Ex-SPD-Popbeauftragten ficht dies alles nicht an. Er sieht die UN-Klimakonferenz als seine erste große Bewährungsprobe auf internationalem Parkett. Dafür lernt Gabriel nun auch, wie ich der Online-Ausgabe der ‚Salzgitter Zeitung’ entnehmen darf, Englisch. „Ohne Englisch,“ so Gabriel, „bekommt man bei den Gesprächen am Rande zu wenig mit“. Wohl wahr. Andererseits hatte es auch Gerhard Schröder geschafft, ohne Englischkenntnisse eine neue deutsche Friedensmacht aufzubauen. Da darf man vom neuen Umweltminister schon eine schlagkräftige Klimaschutztruppe erwarten.

Neben den sprachlichen warteten denn auch gleich körperliche Herausforderungen auf Minister Gabriel, von denen die Hamburger Morgenpost wie folgt berichtet:

„Die Umweltorganisation WWF empfing Gabriel mit einem als ‚Kyot-o-meter’ umgebauten ‚Hau den Lukas’. Der beleibte Minister schlug ohne Probleme bis zur oben hängenden Glocke. Regine Günther, Leiterin des Klimaprogramms beim WWF Deutschland, bewertete die eindeutige Haltung des Ministers zum Klimaschutz als vielversprechend.“

Ist das nun schon Satire oder genügt ein solcher Einsatz für eine ernstzunehmende Klimapolitik? Und was ist davon zu halten, wenn Gabriel allen Ernstes im Interview mit der Tageszeitung ‚Die Welt’ verkündet, dass die EU durch Erreichen ihrer Kyotoverpflichtungen zeigen könne, dass Klimaschutz und internationale Wettbewerbsfähigkeit kein Widerspruch sind? Die Mitgliedschaft im Kyoto-Club lohne sich somit auch für die USA, behauptet Gabriel da. Nun ja, das ist alles, sagen wir es einmal vorsichtig, optimistisch: Erstens erreicht die EU ihre Kyotoverpflichtungen garantiert nicht. Zweitens kann man von der EU nun wirklich nicht behaupten, sie hätte in den letzten Jahren im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Und drittens lohnt sich die Mitgliedschaft im Kyoto-Club höchstens für Volkswirtschaften, die jeden Glauben an wirtschaftliches Wachstum verloren haben. So erfüllt Deutschland dank des Zusammenbruchs der emissionsintensiven Industrie des Ostens nach der Wiedervereinigung und der in den letzten Jahren stagnierenden Wirtschaftsleistung seine Emissionsverpflichtungen quasi im Schlaf, während das dynamische Irland für sein Wirtschaftswachstum via Kyoto bestraft wird. Wie man einen derartigen ökonomischen Widersinn den USA verkaufen will, bleibt Sigmar Gabriels Geheimnis. Da müsste er noch viel Englisch lernen, um diese Logik überzeugend erklären zu können.

Aber vielleicht sollte er gleich noch andere Sprachen lernen, um mit den Teilnehmern der Konferenz angemessen zu kommunizieren. Da wären zum Beispiel die Inuit oder, wie ich früher glaubte sagen zu dürfen, die Eskimos. Sie sind hier mit einer Delegation von nicht weniger als 54 Teilnehmern in Montreal erschienen, von denen mir persönlich allerdings noch keiner über den Weg gelaufen ist. Bei insgesamt über 10.000 Teilnehmern ist das aber auch kein Wunder. Dafür habe ich auf einer Art Sammelstand für Publikationen aller Art eine CD-ROM gefunden, deren Titel mich spontan ansprach: „Hilaup Aalannguqtirninganut Taiguuhiliqiniq“. In der Sendung mit der Maus würde der Sprecher aus dem Off nun erklären „Das war Eskimo-Aleutisch“, und auf Deutsch heißt das dann „Die Terminologie des Klimawandels“. Auf dieser CD-ROM befindet sich eine Broschüre, in der das Eskimo-„Ministerium für Kultur, Sprache, Alte und Jugend“ (Pitquhiliqiyikkut) auf 149 kaum beschriebenen Seiten die zentralen Begriffe des Klimawandels definiert, und zwar einmal in einer Art Eskimo-Keilschrift, dann in Eskimo-Aleutisch im lateinischen Alphabet und schließlich, ein besonderer Service für Minister Gabriel, auch noch auf Englisch. So kann der geneigte Leser erfahren, was ein „Piqaluyaq“ ist, nämlich „A large piece of ice that is floating in open water after breaking off from an even larger mass of ice sitting over the land”, auf deutsch: ein Eisberg. Gut, dass den Eskimos das jetzt einmal erklärt wurde. Darauf wäre man, ganz auf sich alleine gestellt, auch nicht so schnell gekommen – zumal, wenn man nördlich des nördlichen Polarkreises lebt.

Apropos Eis: Empfehlenswert ist ein Besuch auf dem Stand der japanischen Antarktisforschung. Dort präsentieren Geologen die Ergebnisse ihrer Bohrungen im antarktischen Eis, anhand derer sie das Klima mehrere hunderttausend Jahre zurückverfolgen können. Für den Laien halten solche Klimaarchive gleich mehrere Überraschungen bereit. Erstens ist unser Klima heute im Vergleich mit früheren Zeiten eher kalt. Zweitens ist es in der Erdgeschichte stets so gewesen, dass zuerst die Temperaturen gestiegen sind, woraufhin der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre mit ungefähr 2.000 Jahren Verzögerung folgte. Was sie daraus für die aktuelle Diskussion um den Treibhauseffekt schließen, frage ich die Wissenschaftler. „Wir wissen es nicht,“ sagen sie mir. „Wir sind auch nicht dafür da, Prognosen abzugeben. Das machen die Klimatologen mit ihren Supercomputern und die haben dabei mit groben Vereinfachungen und großen Unsicherheiten umzugehen. Aber wird können mit großer Sicherheit sagen, was in der Vergangenheit war. Und da war es eben so, dass der Kohlendioxidgehalt den Temperaturen folgte und nicht umgekehrt.“ Ganz nebenbei widerlegt die geohistorische Forschung die vielgehörte Behauptung, es sei noch nie wärmer gewesen als heute. „Wir haben Eiszeiten gehabt und wir haben Warmzeiten gehabt,“ erklären mir die japanischen Wissenschaftler, „das Klima war nie stabil, sondern hat sich immer geändert. Man muß es wohl so nehmen, wie es kommt, und sich an die Temperaturen anpassen“. Zum Abschied darf ich dann auch noch ihre Arbeit probieren, sie haben nämlich antarktisches Eis von einer ihrer letzten Bohrungen mitgebracht, das sie hier in kleine Stücke zerbrechen und mit kanadischem Wasser servieren. „Etwa 10.000 Jahre ist diese Probe alt,“ erklärt mir die freundliche Geologin, „und wenn Sie ganz genau hinhören, dann hören Sie, wie sich kleine Bläschen aus dem Eis lösen. Das ist die Luft der Steinzeit.“ Das Eis schmeckte übrigens trotz des wahrscheinlich bereits abgelaufenen Verfallsdatums erstaunlich gut.

Neben diesem kulinarischen Highlight gab es gestern dann noch eine gut besuchte Veranstaltung der Weltbank, auf der diese ihr neues Buch „Where is the Wealth of Nations? – Measuring Capital for the 21st Century“ vorstellte (http://publications.worldbank.org/ecommerce/catalog/product?item_id=4980649). Darin versucht die Weltbank zu ergründen, wieviel und welche Arten von Kapital in den Ländern dieser Welt gebildet wurden. Der Titel „Wohlstand der Nationen“ spielt natürlich auf Adam Smiths Hauptwerk an, und in der Tat: Smith hätte an dem Buch sicherlich Gefallen gefunden. Was sich nämlich wie ein roter Faden von der ersten bis zur letzten Seite zieht, ist die Betonung der Rolle von Institutionen für wirtschaftliches Wachstum: Die bei weitem größte Bedeutung für die Bildung von gesellschaftlichem Wohlstand messen die Ökonomen der Weltbank dabei einem einzigen Faktor zu: der Rechtsstaatlichkeit (rule of law). Länder mit einem funktionierenden Rechtssystem sind deutlich besser in der Lage, wirtschaftlich zu wachsen und Wohlstand zu schaffen. Auf natürliche Ressourcen kommt es dabei viel weniger an. Auf dem Titelblatt ist dieser Zusammenhang eindrücklich illustriert: Unter einem Bild der Skyline von Hong Kong sind afrikanische Kinder abgebildet, und am unteren Bildrand ist ein Foto, das ganz offensichtlich eine Regenwaldregion zeigt. Besser kann man nicht beschreiben, worauf es ankommt. Während Hong Kong nämlich praktisch über keine natürlichen Ressourcen verfügt, ist dies in vielen afrikanischen Ländern und in Regenwaldregionen oft anders. Wirtschaftlich besser entwickelt hat sich aber Hong Kong, denn dort gab es über die letzten fünf Jahrzehnte ein funktionierendes Rechtssystem, niedrige und einfache Steuern und große wirtschaftliche Freiheiten – alles Dinge, an denen es in ärmeren Weltregionen oft fehlt.

„Where is the Wealth of Nations?“ ist zweifellos ein wichtiges Buch. Aber was hat das alles mit dem Klimawandel zu tun? Die ehrliche Antwort, die ich auf diese Frage von einem der Hauptautoren bekam, lautete: „Nichts. Wir haben dieses Buch völlig unabhängig von der Klimakonferenz geschrieben und brauchten dann aber einen Ort, an dem wir es präsentieren konnten.“ Die Klimakonferenz in Montreal passte da gut ins Konzept. Nun findet sich in dem gesamten Buch allerdings kein einziger direkter Bezug zum Klimawandel, was den Weltbankern irgendwie ungünstig erschien. Wie soll man schließlich Aufmerksamkeit bei den Konferenzteilnehmern wecken, wenn man ihnen nur etwas von der Bedeutung ökonomischer und rechtlicher Institutionen erzählen will? Also nennt man die Veranstaltung einfach „Wealth of poor nations threatened by climate change“ und gibt dazu noch eine entsprechende Presseerklärung heraus. In dieser Presseerklärung findet sich dann aber kaum noch etwas von der Rechtsstaatlichkeit, dafür sehr viel vom gefährlichen Klimawandel.

Die eigentliche Argumentation der Weltbank wird in ihrer eigenen Presseerklärung auf den Kopf gestellt. Dort heißt es dann, dass der Klimawandel für viele der ärmsten Länder deswegen ein Problem ist, weil sie zu einem großen Teil von ihren natürlichen Ressourcen abhängig sind. Sie seien überwiegend von der Landwirtschaft geprägt und daher für Änderungen des Klimas besonders anfällig. Das mag zwar richtig sein, aber es gibt gerade nicht die Kernaussage des Buches wieder. Andersherum würde ein Schuh daraus: Die ärmsten Länder der Welt sind zweifellos sehr von der Landwirtschaft abhängig. So arbeiten in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara zwei Drittel der Bevölkerung in diesem Sektor, der ungefähr ein Drittel der Wirtschaftsleistung dieser Länder ausmacht. In den reichen Ländern liegen beide Werte jeweils unter vier Prozent. Nun gibt es für diese Abhängigkeit der armen Länder von der Landwirtschaft vor allem zwei Gründe: Zum einen sind deren Landwirtschaften chronisch ineffizient, was besonders an ihrer mangelnden Kapitalausstattung liegt. Während in Südamerika zum Beispiel nach Angaben der FAO 54 Traktoren pro 1.000 Hektar Ackerland eingesetzt werden, sind es südlich der Sahara gerade einmal drei. Bei Pestiziden, Bewässerung und Düngemitteln sieht es ganz ähnlich aus. Zweitens sind die politischen und wirtschaftlichen Strukturen in vielen armen Ländern eben genau so, wie sie laut Weltbank nicht sein dürfen, wenn man Wohlstand schaffen will. Dort mangelt es eben gerade an Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Für die afrikanischen Länder sind die Konsequenzen fatal: Sie können sich kaum entwickeln und bleiben somit von der Landwirtschaft abhängig. Das hat aber mit dem Klimawandel erst einmal nichts zu tun, denn selbst wenn sich das Klima wandelt, dann sind reichere Länder wesentlich besser in der Lage, mit den Auswirkungen fertig zu werden. Auch hierfür ein Beispiel: Australien war im 19. Jahrhundert ein Land, das stark von seiner Landwirtschaft abhing, und die australische Wirtschaft stützte sich zu einem großen Teil auf Wolle, Weizen und Rindfleisch. Da die Australier aber von ihrem Mutterland ein gutes Gerüst an politischen Institutionen bekommen hatten, wurde aus Australien in wenigen Jahrzehnten ein reiches Land, in dem die Landwirtschaft heute nur noch 3,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Sollte es nun tatsächlich zum Klimawandel kommen, so wird Australien damit bei einem Pro-Kopf-Einkommen von über 30.000 US$ besser umgehen können als beispielsweise Tansania mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 700 US$ und einem Landwirtschaftsanteil von 43.2 Prozent.

Wenn die Weltbank somit ihre eigenen Erkenntnisse ernst nähme, dann würde sie kaum verkünden, dass der Klimawandel die ärmsten Länder bedroht. Vielmehr müsste sie sagen, dass es für diese Länder eigentlich nur eine Strategie gibt, mit der sie zukünftigen Herausforderungen sinnvoll begegnen können: Sie müssen selbst die Voraussetzungen dafür schaffen, sich wirtschaftlich zu entwickeln, und das sind – wie von der Weltbank selbst herausgearbeitet – stabile Institutionen und wirtschaftliche Freiheit. Um so bedauerlicher daher, dass die Weltbank mit ihrer Presseerklärung auf den Zug der Alarmisten aufgesprungen ist. Wenn wir also morgen die Schlagzeile in der Zeitung lesen „Weltbank: Klimawandel gefährdet arme Länder“, dann ist dies eben leider nur die halbe Wahrheit. Aber leider hätte es sonst wohl für das wirklich lesenswerte Buch erst gar keine Schlagzeile gegeben.

Übrigens hat das International Policy Network (http://www.policynetwork.net) zu eben diesem Thema der Bedeutung von Institutionen für den Klimawandel gerade ein neues Buch herausgegeben, das hier kostenlos heruntergeladen werden kann: http://sdnetwork.net/page.php?instructions=page&page_id=550&nav_id=131 Darin sind unter anderem Texte von Wolfgang Kasper, Indur M. Goklany, Dirk Maxeiner und Michael Miersch und Barun Mitra. Vielleicht sollten wir uns auch noch eine reißerische Schlagzeile einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit der Konferenz darauf zu lenken.“

Wir ahnten es: Armut rettet das Klima

Man registriert einigermassen fassungslos die Berichterstattung der deutschen Mainstream-Medien von der Klimakonferenz in Montreal. Schnarchen die, sind sie vollkommen verblödet oder verstellen Sie sich nur? Loben und preisen wir daher unseren Korrespondenten Oliver Hartwich (International Policy Network):

“Man kann dem Bundesumweltminister eigentlich nur wünschen, dass er neben seinen Englischstunden, die er derzeit nimmt, auch noch etwas Volkswirtschaftslehre lernt”.

Hier der aktuelle Bericht von der UN-Klimaschutzkonferenz in Montreal:

„Es wird kälter auf dieser Welt, zumindest in Montreal. Seit ich am Samstag hier angekommen bin, sind die Temperaturen jeden Tag gefallen. Sie liegen nun tagsüber bei minus vier und nachts bei minus acht Grad. Dazu weht weiter ein lebhafter und böiger Wind. War der Weg zum Palais des Congrès am Anfang noch ein halbwegs angenehmer Winterspaziergang, so hat man nun das Gefühl, dass einem nach einer Viertelstunde an der frischen Luft die Ohren abfallen. Die Kälte tut weh; so weh, dass meine Kollegen und ich inzwischen – obwohl wir alle wirklich noch gut zu Fuß sind – nach Abendveranstaltungen ein Taxi zurück zum Hotel nehmen.

Wenn man diese Kälte einmal gedanklich mit dem Anlaß dieser Konferenz in Verbindung bringt, dann könnte man sich schon fragen, welches Klima eigentlich für die Menschheit das bessere wäre. Für die Umweltaktivisten ist die Sache klar: Es sollte auf gar keinen Fall wärmer werden, denn Veränderung ist grundsätzlich gefährlich, und alles sollte lieber so bleiben, wie es ist. Daraus spricht eigentlich zweierlei: Ein tiefer Konservatismus sowie das Bewusstsein, bereits im besten aller Klimata zu leben. Aber ist dies wirklich so? Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn es in Montreal um diese Jahreszeit ein paar Grad wärmer wäre als jetzt? Das würde sogar Heizkosten und Treibhausgasemissionen sparen.

Der Gedanke ist gar nicht so abwegig, wie er vielleicht zunächst scheint. Nach Erkenntnissen der Klimaforscher gab es in den letzten 150 Jahren eine globale Erwärmung von rund 0,6 Grad. Das ist aber ein Durchschnittswert, den man erst dann richtig interpretieren kann, wenn man sieht, wo und wann es tatsächlich wärmer geworden ist. Für die letzten 25 Jahre haben wir dafür gute Daten, der NASA-Satellitenbeobachtung des Weltklimas sei Dank. Und da sieht dann die ‚globale’ Erwärmung plötzlich regional sehr unterschiedlich aus. Wärmer geworden sind nämlich die gemässigten und kalten Regionen der Nordhalbkugel, also zum Beispiel auch Montreal. Gleichbleibende oder sogar fallende Temperaturen gab es dafür auf der Südhalbkugel und in wärmeren Regionen. Doch es kommt noch besser: Die Erwärmung spielt sich nicht nur in den kalten Regionen ab, sondern sie findet vor allem in den Wintermonaten statt. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Winter auf der Nordhalbkugel in den letzten 150 Jahren im Schnitt achtzehn Tage kürzer geworden sind. Aber ist das eigentlich ein Problem? Achtzehn Tage kürzere Winter heißen auf der anderen Seite achtzehn Tage mehr für Frühling, Sommer und Herbst. Bauern, Bauarbeitern, Sonnenanbetern und Straßencafebesitzern sollte es recht sein. Und so ist es auch kein Wunder, dass in der Klimageschichte die mittelalterliche Warmperiode von 800 bis 1300 (in der es weltweit wärmer war als heute) als Klima-„Optimum“ bezeichnet wird. Damals grünte es in Grönland (daher der Name), und in Schottland wurde genießbarer Wein angebaut. Der Whiskey kam erst in einer späteren Kaltzeit. Es spricht also einiges dafür, dass ein wärmeres Klima sogar oft auch ein besseres Klima ist, wenn man einmal vom Scotch absieht. Aber der schmeckt auch ‚on the rocks’, wenn es warm ist.

Auf der Klimakonferenz in Montreal, auf der die Teilnehmer auf dem Weg zum Kongresszentrum um die Wette bibbern und sich dann nur noch in wohlgeheizten Räumen aufhalten, sind solche Einwände natürlich ganz ketzerisch. Präsident Chirac, der sich gestern per Videobotschaft an die Teilnehmer wandte, bezeichnete den Klimawandel als die „brutalste und drängendste Realität“, und Professor Sir David King, der Wissenschaftsberater Tony Blairs, ließ die Konferenz wissen, dass der Klimawandel das größte Problem der Menschheit sei. Gut, dass wir sonst keine Probleme haben. Denn was sind schon Terrorismus, Unterdrückung, Menschenrechtsverletzungen, Armut, das iranische Atomwaffenprogramm, Unterernährung, AIDS und Malaria gegen mildere Winter auf der Nordhalbkugel?

Man muss also ganz dringend etwas tun, und wer wüsste das besser als unser Bundesumweltminister. Seitdem Sigmar Gabriel hier eingetroffen ist, gibt er ein Interview nach dem anderen, in denen er nicht müde wird, die Wichtigkeit des Klimaschutzes zu betonen. Oder etwa doch? Von Müdigkeit und Jetlag zeugt jedenfalls die folgende Gabriel’sche Aussage. Von der FAZ gefragt, ob es absolute Minderungsziele für Treibhausgasemissionen braucht, antwortete der Minister:

„Wenn ein Gut nicht knapp ist, ist sein Preis niedrig, und dann lohnen sich die Investitionen nicht. Sie müssen also dem knappen Gut Umwelt einen Preis geben, der sich durch die Nachfrage am Markt bildet. Das gelingt aber nur, wenn man die Emissionsmenge begrenzt und unterhalb dieses Deckels den Handel ermöglicht.“

Nachdem ich diese Sätze mehrfach gelesen habe, erschließt sich mir der Sinn immer noch nicht ganz, denn leider ist die ökonomische Logik nicht auf Gabriels Seite. Wenn ein Gut nicht knapp ist, dann ist der Preis nicht niedrig, sondern null. Schließlich kostet es nichts zu atmen. Wenn aber ein Gut knapp ist, dann ergibt sich in der Tat ein Preis, allerdings nicht nur durch die Nachfrage, sondern auch über das Angebot. Richtig ist, dass sich Preise dabei auf Märkten bilden. Auch dies ist fein von Herrn Gabriel beobachtet. Aber wenn dem so ist, dann muss man dem Gut eben nicht einen Preis geben, denn der hat sich ja, wie wir gerade festgestellt haben, bereits am Markt gebildet. Im letzten Satz wird Gabriel dann etwas konkreter: Dort spricht er dann von der Begrenzung der Emissionsmenge. Das ist aber eben keine natürliche Knappheit mehr, sondern eine künstliche Knappheit, die nichts mehr mit dem Markt, dafür aber umso mehr mit Herrn Gabriel und seinen Ministerkollegen zu tun hat. Man kann dem Bundesumweltminister eigentlich nur wünschen, dass er neben seinen Englischstunden, die er derzeit nimmt, auch noch etwas Volkswirtschaftslehre lernt. Es könnte helfen. Doch zur Zeit begnügt sich Gabriel noch mit seiner Vulgärökonomie und kritisiert die Amerikaner, weil sie einfach nicht begreifen wollen, dass Kyoto auch für sie ein gutes Geschäft wäre.

Wie dem auch sei: Gabriel steht mit seinen Positionen durchaus nicht allein, und das ‚Bush-Bashing’ ist zur Modesportart der Konferenz geworden. Kaum eine Veranstaltung vergeht, ohne dass einer der Diskutanten die US-Amerikaner aufforderte, ihre Position zu überdenken und nun endlich, endlich das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. Der Costa Ricanische Umweltminister ging sogar soweit, dass er öffentlich in einer Diskussionsrunde sagte, jeder der anwesenden Umweltaktivisten würde einen besseren US-Präsidenten abgeben als George W. Bush. Sein südafrikanischer Kollege war da noch etwas diplomatischer: „Warum noch diskutieren?“ fragte er bei einer Podiumsdiskussion. „Wir haben die Debatte gewonnen. Jetzt muss endlich gehandelt werden,“ sprach er und ließ keinen Zweifel, wen er damit wohl gemeint habe. Auch die Gastgeber der Konferenz haben sich klar positioniert. Der amtierende kanadische Premierminister Paul Martin, der gerade mitten im Wahlkampf steckt, gab zu Protokoll: „The time is past to pretend that any nation can stand alone, isolated from the global community.“

Doch was ist von solchen hochmoralischen Statements zu halten? Nehmen wir also einmal das Beispiel Kanada und schauen uns die Fakten an. Im Jahr 1990, dem Basisjahr des Kyoto-Protokolls, emittierte Kanada 607 Megatonnen Kohlendioxid. Diese Zahl sollte eigentlich laut Kyoto-Protokoll um sechs Prozent bis zum Jahr 2012 sinken, also auf knapp 571 Megatonnen. Tatsächlich aber stieg sie bis zum Jahr 2000 bereits auf 726 Megatonnen, und für das Jahr 2010 werden laut der kanadischen Umweltberatung Greenspirit Strategies 809 Megatonnen erwartet. Zwischen den Äußerungen des Premierministers und der Realität klafft also eine Glaubwürdigkeitslücke von nicht weniger als 238 Megatonnen Kohlendioxid. Damit wird Kanada im Jahr 2010 ganze 42 Prozent über seinen Verpflichtungen liegen. Aus dieser Position heraus die US-Amerikaner für die Nichtratifizierung zu kritisieren, grenzt an Frechheit. Der Unterschied zwischen Kanada und den USA ist hinsichtlich der Erfüllung von Kyoto nämlich nur, dass die Kanadier ein Lippenbekenntnis abgegeben haben, die US-Amerikaner hingegen nicht. Welches der beiden Länder vertritt hier eigentlich die ehrlichere Position?

Nun wäre es aber falsch, aus der Nichtratifizierung des Kyoto-Protokolls durch die USA zu folgern, dass die Bush-Administration sich gänzlich aus dem Klimaschutz verabschiedet hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Davon konnten sich die Konferenzteilnehmer gestern bei einem Side Event überzeugen, das gemeinsam von der US-Regierung und amerikanischen Großunternehmen organisiert wurde. Der Staatssekretär des US-Energieministeriums, David Garman, erläuterte die Philosophie hinter der amerikanischen Klimapolitik, indem er betonte, dass es seiner Regierung vor allem darauf ankäme, die Treibhausgasintensität zu senken. Zur Erläuterung: Die Intensität bedeutet nicht die Summe der Emissionen, sondern die Emissionen pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts. Zur Zeit werden in den USA pro Million Dollar Bruttoinlandsprodukt 183 Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen. Das klingt vielleicht viel, ist im internationalen Vergleich aber sehr wenig. In den sogenannten „Entwicklungsländern“ (von denen allzu viele sich leider gar nicht entwickeln, aber das nur am Rande) betragen die Emissionen pro Million Dollar ein Vielfaches des US-Wertes. Das liegt daran, dass die USA bereits heute eine sehr effiziente Wirtschaft haben. Diese soll nun aber, so Staatssekretär Garman, noch effizienter werden: Bis 2012 sollen nur noch 151 Tonnen pro Million US-Dollar emittiert werden. Das sind achtzehn Prozent weniger als heute, und dafür hat die US-Regierung Dutzende von Programmen aufgelegt, die Milliarden Dollar kosten.

David Garman legt Wert darauf, dass sich solche Effizienzsteigerungen nur im Verbund mit der Wirtschaft und nicht gegen sie erreichen lassen. Die Amerikaner setzen dabei auf Freiwilligkeit und haben mit diesem Ansatz Erfolg. Bill Wehrum von der Environmental Protection Agency (EPA; das ist das US-Bundesumweltamt) sieht es so: „Wir haben hier eine klassische Win-Win-Situation: Wir haben ein Interesse daran, weniger Treibhausgase auszustoßen und weniger energieabhängig zu sein. Und die Unternehmen wollen vor allem eins, nämlich Kosten sparen.“ Besonders stolz ist Wehrum auf das von ihm mitverantwortete Energy Star-Programm. Die EPA verleiht für besonders energieeffiziente Geräte, aber auch für Energiesparhäuser, als Gütesiegel den Energy Star. Die Unternehmen haben große Anreize, dieses Siegel zu erhalten, denn US-Verbraucher achten laut Umfragen immer mehr auf diese Zertifizierung und haben seit der Einführung des Energy Star mehr als 1,5 Milliarden solcher Produkte gekauft. Die damit erzielte Energieeinsparung beträgt 30 Megatonnen Kohlendioxid. Das ist der Jahresausstoß an Treibhausgasen von 20 Millionen Autos, vier Prozent der US-Elektrizität oder 10 Milliarden Dollar, die die Verbraucher an Energiekosten eingespart haben.

Aber Energy Star ist nur ein Programm unter vielen. Daneben gibt es Initiativen für den Gütertransport, Forschungsaktivitäten für emissionsfreie Kohlekraftwerke und steuerliche Anreize für das Energiesparen. Ebenso gibt es direkte public private partnerships mit einzelnen Unternehmen oder Branchen. So konnte Alcoa, der weltgrößte Aluminiumfabrikant, auf der Veranstaltung stolz verkünden, dass es seine Treibhausgasemissionen seit 1990 um 26,8 Prozent gesenkt habe. Und der Verband der amerikanischen Stahlwirtschaft steht dem mit einer Reduktion von 23 Prozent kaum nach.

Die US-Klimapolitik kann heute also auf konkrete Erfolge verweisen, die den kanadischen Premierminister eigentlich beschämen sollten: Während Kanada nämlich seit 1990 seine Emissionen um 24 Prozent gesteigert hat, sind sie in den USA nur um 13 Prozent gestiegen. Von 2000 bis 2003 sind die US-Emissionen nach Angaben von Paula Dobriansky, einer Teilnehmerin der US-Delegation, sogar um ein Prozent gesunken, während die US-Wirtschaft im gleichen Zeitraum weiter gewachsen ist. Das alles sei aber nur möglich gewesen, weil die US-Regierung die Effizienzinitiativen mit jährlich über fünf Milliarden US-Dollar gefördert habe. Es ist eben eine Sache, von Klimaschutz und Kyoto zu reden, und eine ganz andere Sache, konkrete Ziele zu erreichen.

Im Frage- und Antwortteil wurde dann aber deutlich, worauf es den Umweltaktivisten eigentlich ankommt: Dort wurde Staatssekretär Garman eben für die Steigerung der Energieeffizienz kritisiert. Solche Maßnahmen seien nicht ausreichend, wenn gleichzeitig die Gesamtemissionen weiter stiegen, wandten die Aktivisten ein. Aber was würde dieser Einwand bedeuten, wenn man ihn in die Politik umsetzen wollte? Konkret hieße das nämlich Folgendes: Die Wirtschaft dürfte nur soviel wachsen, wie sie durch Effizienzsteigerungen einspart, um das Wachstum sozusagen emissionsneutral zu halten. Für eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen bräuchte es darüber hinaus entweder noch stärkere Effizienzsteigerungen, die aber kaum zu erreichen sind, oder eben ‚negatives Wachstum’, sprich Schrumpfung und Verzicht. Letzteres forderte denn auch auf einer anderen Veranstaltung ganz offen der südafrikanische Umweltminister Marthinus van Schalkwyk: „Die entwickelten Länder müssen sich nun endlich auf drastische Emissionsreduzierungen verpflichten, damit die ärmeren Länder mehr emittieren und wachsen können.“ Im Klartext: Den reichen Ländern soll zukünftiges Wachstum möglichst verboten werden; wachsen sollen andere. Dass sich an diesem planwirtschaftlich anmutenden Programm dynamische Industriestaaten wie Australien und die USA nicht beteiligen wollen, ist verständlich. Dass die chronisch wachstumsschwache EU damit weniger Probleme hat, aber auch.

Merke: Der internationale Sozialismus ist nicht tot. Er hat sich nur grün verkleidet.“

Toronto? Montreal? Egal! Hauptsache, die Amis sind schuld

“Over and out aus Montreal. Oliver Marc Hartwich, International Policy Network.“ Wir danken Oliver für seine Geschichten aus Montreal, die nur bei uns zu lesen waren. Und mit seinem letzen Stück hat er sich endgültig den großen Achse-Orden verdient (den es zwar noch nicht gibt, aber wir arbeiten daran). Falls ein journalistischer Kollege (Wir wissen: Ihr lest uns…) diesen wunderbaren Text seinen Lesern zugänglich machen will, dann wende er sich vertrauensvoll an: oliver.m.hartwich@freenet.de

Hier der aktuelle Bericht von der UN-Klimaschutzkonferenz in Montreal. Korrespondent Oliver Marc Hartwich, International Policy Network:

“Nun geht diese Konferenz doch zu Ende, und zum Abschied hat sich die Natur noch einmal etwas Feines einfallen lassen, denn über Nacht hat sie Montreal hübsch eingeschneit. Aber ist das hier eigentlich Montreal, oder habe ich mich in der Stadt geirrt? SPIEGEL online berichtete gestern nämlich über neue Kohlenstoff-Funde in der Arktis („Gefährliche Kohlenstoffe: Turbo fürs Treibhaus“). Der Artikel begann wie folgt:

„In den Böden der Arktis ist einer neuen Studie zufolge viel mehr Kohlenstoff gespeichert als vermutet. Durch die globale Erwärmung könnte daraus schnell weiteres Treibhausgas werden. Beim Klimagipfel in Toronto gab es massive Kritik an der Verweigerungshaltung der USA.“

Sollte es noch eine Parallelveranstaltung zur UN-Klimakonferenz geben? Aber warum findet sie dann auch noch in Kanada statt? Und warum habe ich bislang nichts davon mitbekommen? Nach einer entsprechenden Anfrage beim SPIEGEL meinerseits hat man aber inzwischen den Text korrigiert. Ich bin also beruhigt: Es gibt nur eine Klimakonferenz und – ganz ehrlich – eine reicht auch.

Was einen aber doch ein bisschen wundert, ist die Tatsache, dass neue Kohlenstoffreservoirs, neue Wetterextreme und abdrehende Meeresströmungen immer genau kurz vor oder während UN-Klimakonferenzen auftauchen. Da schlummern die Kohlenstoffe Millionen von Jahren unter dicken Eispanzern in der Arktis, und kaum ist es Dezember und die UN-Klimakarawane setzt sich in Bewegung, da tauchen sie auf wie das Monster von Loch Ness. Das ist schon ziemlich gutes Timing, bloß wie macht die Natur das eigentlich?

An der Einleitung des SPIEGEL online-Artikels können wir ansonsten den neuen journalistischen Dreisatz ablesen. Erstens: Es ist etwas Neues entdeckt worden, was mit dem Klima zu tun hat, wenn auch nur über drei Ecken. Zweitens: Wissenschaftler können nicht ausschließen, dass daraus irgendwann einmal ein großes Klimaproblem wird. Drittens: Schuld sind, wenn sich sonst kein Sündenbock findet, im Zweifelsfall die Amerikaner.

Alle können mit dieser Vorgehensweise leben: Wenn man etwas nicht ausschließen kann, dann hat man sich auch dann nicht geirrt, wenn es am Ende doch nicht eintritt. Solange es aber wie ein Damoklesschwert über einem hängt, ist es gut für die Begründung von Forschungsgeldern, für das Erhaschen von Aufmerksamkeit und zur Untermauerung allgemeiner politischer Statements. Wissenschaftler, Journalisten und auch Politiker, die so verfahren, riskieren damit nichts, noch nicht einmal Widerspruch. Denn wer (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen) legt sich schon gerne freiwillig mit der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft an, wo es doch ‚um die gute Sache’ geht?

Wie erfrischend ist da ein Blick in „The Globe and Mail“, Kanadas führende Tageszeitung. Dort schrieb Margaret Wente gestern einen sehr lesenswerten Kommentar („Will we freeze or will we fry?“) über die Voreingenommenheit vieler Umweltjournalisten (leider steht der Artikel nur im kostenpflichtigen Internet-Angebot der Zeitung, daher leider kein Link). Laut Ms. Wente spielt es für viele Journalisten einfach keine Rolle mehr, ob an den neuesten Katastrophenszenarien hinsichtlich des Klimawandels etwas dran ist oder nicht. Als Beispiel führt sie die jüngsten Berichte über das Versiegen des Golfstroms an. Obwohl anerkannte Forscher wie der Ozeanograph am Massachusetts Institute of Technology, Professor Carl Wunsch, immer wieder betonen, dass „ein Klima ohne Golfstrom in den nächsten dutzenden Millionen Jahren eine Wahrscheinlichkeit von etwas über null hat“, wird in den Medien nur über eine einzige (!) Studie berichtet, die von einer Abnahme der Golfstromintensität in den letzten zwei Jahren berichtet. Und natürlich, wie könnte es auch anders sein, wurde diese Studie kurz vor der Klimakonferenz in der Wissenschaftszeitschrift ‚Nature’ veröffentlicht.

Für die Kommentatorin der „Globe and Mail“ ist diese selektive Wahrnehmung symptomatisch dafür, wie viele ihrer Kollegen mit Umweltnachrichten umgehen. Zitat:

„We in newsland regard ourselves as hard-headed, skeptical objective folks. But show us a forlorn polar bear on a melting ice floe, and we check our brains at the door. Our environmental coverage regularly serves up the most hysterical, most credulous and most selective stories in all the news. The truth is, most of what passes as environmental reporting is little more than cheerleading for the Sierra Club and the World Wildlife Fund. It’s about as objective as the news reports you used to read in Pravda quoting party leaders on the glorious 14th party congress. The difference is, in Pravda, all the news was always good; on the environmental beat, all the news is always bad.”

So etwas kann man also in einer führenden kanadischen Tageszeitung lesen. In Deutschland müsste sich der Verfasser wahrscheinlich nun auf empörte Leserbriefe einrichten, aber bislang gab es noch keine Reaktion darauf. Dafür finden wir in der heutigen Ausgabe der „Globe and Mail“ einen Kommentar, in dem der kanadische Premierminister für seine Kritik an der US-Klimapolitik kritisiert wird, und zwar aus ganz ähnlichen Gründen, wie in meinem gestrigen Artikel an dieser Stelle. Ich kann das hier nur noch einmal unterstreichen: Wer im Treibhaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Dem geneigten Leser wird nicht entgangen sein, dass ich noch gar nichts zum Fortgang der Klimakonferenz geschrieben habe. Der Grund dafür ist einfach: Es gibt auch eigentlich nichts mehr zu berichten. Nach zwei Wochen Diskussionen im Palais des Congrès ist inzwischen alles schon gesagt, wenn auch vielleicht noch nicht von jedem. Und wenn auch am Ende nicht alle einer Meinung waren, so sind doch viele Fragen offen geblieben.

Im Ernst: Langeweile macht sich unter den Tagungsteilnehmern breit. Auf den überall im Kongresszentrum aufgestellten Fernsehern werden Statements von Delegationsmitgliedern aller Herren Länder übersetzungs- und untertitellos übertragen, und da meine eigenen Sprachkenntnisse nur unwesentlich besser entwickelt sind als jene unseres geschätzten Bundesumweltministers (der sein Statement im Plenum aber zu meiner großen Verwunderung wenn auch abgelesen, so doch auf Englisch vorgetragen hat – Respekt!), kann ich nicht wirklich verstehen, was der asiatische Sprecher dort gerade vorträgt. Aber er sieht sehr besorgt aus. Reicht das schon für eine Schlagzeile?

Die Langeweile setzt sich fort bis in die Side Events. Da die Auswahl zur Mittagszeit nicht besonders groß war, habe ich ein Mittagessen bei der japanischen Delegation geschnorrt (Thunfisch, Reis und aus einem kleinen Holzfässchen eingeschenkter Sake-Wein), dann aber doch eine Veranstaltung der Delegation von Belize besucht. Belize, zur geographischen Information, ist ein an Mexiko und Guatemala grenzender Staat mit einer Einwohnerzahl, die ziemlich exakt derjenigen meines Geburtsortes Gelsenkirchen entspricht. Gelsenkirchen ist aber nicht auf der Klimakonferenz vertreten, Belize hingegen hat dafür seinen Chefmeteorologen, dessen Assistentin und den ‚Public Education and Outreach Specialist’ aus dem ‚Mainstreaming Adaptation to Climate Change Project’ des ‚Carribean Community Climate Change Centre’ entsandt. So etwas gibt es in Gelsenkirchen nicht; dafür haben wir einen besseren Fußballclub.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Auf dem Belize-Event sollte es um Anpassungsmaßnahmen für den Klimawandel gehen, aber vielleicht war das nun etwas zu verkürzt dargestellt. Im Programmheft las sich die Ankündigung zumindest so:

„Central America and the Caribbean: advances in adaptation to climate change – Joint presentation of CATALAC and CCCCC on new developments and approaches in Central America and the Caribbean.”

Und da ich das aus mir im Nachhinein unerklärlichen Gründen für spannend gehalten habe, suchte ich also den Tagungsraum auf. Die schlechte Publikumsresonanz hätte mich stutzig machen sollen. Doch dann wurde die Tür geschlossen, und die Falle schnappte zu. Für die nächsten siebzig Minuten saß ich nun in einer Veranstaltung, in der sich die Teilnehmer eine Abkürzung nach der anderen zuwarfen, meist quittiert mit verständnisvollem Kopfnicken. Es erinnerte mich an den Witz, in dem Konferenzveteranen ihre altbekannten Witze durchnumeriert haben und dann bei Ansage einer Zahl zu lachen anfangen. Nur als ein junger Kollege die ‚16’ in den Raum wirft, bleibt es still – er habe den Witz schlecht erzählt, beschweren sich die anderen.

Nach siebzig Minuten ist die Prozedur vorbei, und das ist sogar zwanzig Minuten vor der geplanten Zeit, aber nicht einmal mehr Fragen wollten die Teilnehmer stellen. Nachdem die Moderatorin um Fragen aus dem Publikum bat und sich auch nach zwei Minuten, die mir allerdings wesentlich länger vorkamen, niemand rührte, beendete sie dann die Veranstaltung – natürlich nicht ohne vorher den Referenten für ihre aufschlußreichen Vorträge gedankt zu haben. Leicht irritiert verließ ich den Raum. Selten zuvor habe ich mich so unwissend gefühlt wie gestern.

Zurück im Ausstellungsbereich kann mich nach ein paar Tagen auf der Konferenz auch nichts mehr überraschen. Vor dem ‚Kyot-o-meter’ tappt ein Umweltaktivist im Eisbärenkostüm auf und ab, die japanischen Geologen servieren nach wie vor Polareis, und bei Greenpeace geht die Welt immer noch unter. Zwischen all dem serviert man im ‚Cool Canada Cafe’ heiße Getränke. Das Ganze erinnert zuweilen mehr an eine Kirmes als an eine internationale Konferenz.

Selbst an die von den Aktivisten verteilten Broschüren gewöhnt man sich recht schnell. Anscheinend damit sie überhaupt noch Beachtung finden, werden sie immer reißerischer. Dass sie sich dabei immer weiter von jeder wissenschaftlichen Fundierung entfernen, versteht sich von selbst. Spannend wird es dann, wenn dieser Unfug auch noch von Regierungsbehörden verbreitet wird. Das ‚Asian Wetlands Symposium’, das unter anderem vom indischen Umweltministerium unterstützt wird, verbreitet zum Beispiel ein kleines Flugblatt mit dem Titel „The Tsunami and Coastal Wetlands – Recommendations for Action“. Man befürchtet Schlimmstes und wird in der Tat nicht enttäuscht. Auf der Rückseite ist nämlich zu lesen:

„Noting that the tsunami is an extreme natural event of relatively low frequency, but that as a result of climate change it is predicted that there will be an increasing frequency and intensity of storms and other extreme weather events …”

Danach folgen dann sieben konkrete Forderungen für einen verbesserten Küstenschutz, die sicherlich diskussionswürdig sind. Vollkommen indiskutabel, ja absolut abwegig, ist es hingegen, den Tsunami mit der Erderwärmung auch nur in Verbindung zu bringen. Das eine hat mit dem anderen nämlich nichts, aber auch gar nichts zu tun. Tsunamis werden durch Erbeben auf dem Meeresgrund ausgelöst, und Erdbeben wiederum entstehen durch die Plattentektonik und nicht aufgrund von Wind und Wetter. Wer nun aber so tut, als hätte das eine mit dem anderen zu tun, der führt seine Leser in die Irre, und zwar ganz bewusst.

Geradezu harmlos nimmt sich dagegen das Faltblatt der kanadischen David Suzuki-Foundation aus, die zumindest grafisch auf höchstem Niveau ist. In diesem Hochglanzdruck sind fiktive Postkarten abgebildet, welche die Gefahren des Klimawandels für Kanada visualisieren sollen. Auf der ersten sehen wir einen Eskimo auf einem Schlitten in der Wüste. Die Huskies liegen nach Wasser lechzend im Sand. Darüber die Überschrift „The Great White North“. Die nächste Postkarte zeigt einen Skifahrer, der eine grüne Wiese hinunterfährt: „The Majestic Rocky Mountains“. Dann wäre da noch das Mädchen im Schwimmreifen auf einem ausgetrockneten Flachland: „The Great Lakes“. Und schließlich hätten wir noch den Farmer mit der Mistgabel auf vertrocknetem rötlichen Boden: „The Bountiful Prairies“. Mein Costa Ricanischer Kollege Juan Carlos kam beim Anblick dieser Bilder aus dem Lachen gar nicht mehr heraus: „Warum bilden sie nicht statt dieser Horrorbilder einen schönen karibischen Strand ab? Ein wenig mehr Wärme würde Kanada bestimmt gut tun, oder nicht?“

Manchmal ist die Konferenz schwer zu ertragen, und so kam es einer Erlösung gleich, als meine Kollegin Kendra uns völlig unverhofft eine Einladung zu einer gänzlich anderen Abendveranstaltung verschaffte. Was ich ehrlich gesagt gar nicht wusste: In Montreal gibt es einen liberalen Think Tank. Und das, obwohl Québec für Kanada ist, was Schweden, Deutschland und Frankreich in der EU sind, nämlich ein Ort für Sozialstaatsromantiker. Aber dort gibt es nun seit 1999 das ‚Institut économique de Montréal – Montreal Economic Institute’ (http://www.iedm.org), und eben jenes Institut lud zu einem Dinner mit Vernon Smith ein. Für die Nicht-Ökonomen: Professor Smith war der Gewinner des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaft im Jahr 2002 und gilt als einer der Begründer der experimentellen Ökonomie. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, einen solch bedeutenden Wissenschaftler live zu erleben? Wirklich schweren Herzens habe ich also auf die Klimakonferenz-Side Events verzichtet, auch wenn Veranstaltungstitel wie ‚Preventing and resolving disputes in flexible mechanism contracts’, ‚New issues in emission trading – the RGGI model: allocation, offsets, and linkages’ oder ‚Western U.S. power issues: balancing growth and environmental impacts description’ einen großen Erkenntnisgewinn versprachen.

Nun muß man zu Vernon Smith sagen, dass er genau so aussieht, wie man sich einen Ökonomie-Nobelpreisträger nicht vorstellt. Eine sportliche Erscheinung trotz seiner 78 Jahre, an jeder Hand drei dicke indianische Silberringe, die weißblonden Haare zu einem langen Zopf gebunden: so könnte Vernon Smith auch als Alt-Hippie durchgehen. Aber dieser ungewöhnliche Ökonom hat einiges zu sagen, was einem echten Hippie nur schwer verständlich wäre: „Globalisierung ist nur ein neues Wort für einen ganz alten Vorgang. Wir haben in der Geschichte der Menschheit immer am meisten gewonnen, wenn wir den freien Austausch von Waren und Ideen ermöglicht haben. Wir brauchen daher wirtschaftliche Freiheit. Toleranz, Frieden und Wohlstand werden folgen.“ Der kapitalistische Frieden ist für Vernon Smith das größte Ziel. Er zitiert den französischen Schriftsteller und Wirtschaftswissenschaftler Frédéric Bastiat: „Wenn Waren nicht Grenzen überqueren können, dann werden es Soldaten tun.“

In der halben Stunde des Vortrags von Professor Smith konnte man mehr lernen als in einer ganzen Woche auf der Klimakonferenz. Was kann uns aber Vernon Smith zum Klimawandel sagen, fragte ich ihn in der anschließenden Diskussion. Seine Antwort war eindeutig: „Wenn man konkret nachweisen kann, welche Umweltschäden ein Schadstoff anrichtet, dann ist ein System mit handelbaren Verschmutzungsrechten sicherlich eine gute Art und Weise, mit dem Problem umzugehen,“ sagte Professor Smith. „Aber in der jetzigen Debatte scheint es mir doch so zu sein, dass wir noch viel zu wenig darüber wissen, welche Wirkungen Kohlendioxid wirklich hat, wieviel wir an Emissionen einsparen müssten, um bestimmte Ziele zu erreichen und welche Zeitverzögerungen dabei auftreten. Ich denke daher, dass eine wesentlich bessere Strategie so aussähe, dass man sich dem wandelnden Klima einfach anpasst.“ Auch wenn es den Umweltaktivisten nicht gefällt: Ich denke, der Nobelpreisträger hat Recht. Anpassung ist zur Zeit die beste Strategie.

Es ist übrigens ein wenig ermutigend, dass man das Wort ‚Anpassung’ auf der Klimakonferenz immer häufiger hört. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass sich unter ‚Anpassung’ immer mehr Regierungen unterentwickelter Länder eine neue Form der Entwicklungshilfe vorstellen. Natürlich kann es in Einzelfällen finanzielle Unterstützung geben, etwa beim Deichbau in Bangladesch. Aber die beste Anpassungsmaßnahme ist und bleibt wirtschaftliche Entwicklung.

Und so sieht der letzte Konferenztag aus: Heute Nachmittag soll noch einmal Bill Clinton einen flammenden Appell an die Konferenz richten. Aber warum konnte er eigentlich, als er noch Präsident war, seinen eigenen Senat nicht vom Kyoto-Protokoll überzeugen (die Abstimmung verlor er damals mit 95 Stimmen zu null), frage ich mich. Und dann steht als Schlusspunkt der Konferenz noch das Side Event „Argentinische Städte singen gegen den Klimawandel“ auf dem Programm. Das ist übrigens kein Scherz: Dieses Event gibt es wirklich. Ich denke mir so etwas ja nicht aus. Damit geht für mich die Konferenz an diesem Tag zu Ende. Hätte ich mir jemals träumen lassen, mich nach dem Londoner Winter zu sehnen? Von mir aus auch nach britischer Innenpolitik zur Abwechslung. Jedenfalls fühlt man nach der Konferenz eine gewisse Erleichterung. Und so verabschiede ich mich aus Montreal und von den Lesern meiner Berichte. Aber im nächsten Jahr, bei der nächsten Klimakonferenz, bin ich dann doch wohl wieder dabei. Over and out aus Montreal. Oliver Marc Hartwich, International Policy Network.“