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Spurensuche in der Asche

Published in Die Welt (Berlin), 16 February 2009 (PDF)
http://www.welt.de/welt_print/article3211485/Spurensuche-in-der-Asche.html

Die schweren Buschbrände, die letzte Woche im australischen Bundesstaat Victoria wüteten, haben nicht nur 181 Menschenleben gekostet, 1800 Häuser zerstört und 7500 Menschen zu Obdachlosen gemacht. Sie haben auch bei nicht unmittelbar betroffenen Australiern große Verunsicherung ausgelöst. Während die letzten Brände immer noch nicht gelöscht sind, beginnt die Aufarbeitung einer der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte des Fünften Kontinents.

Der gesamte Südosten des Landes hatte in diesem australischen Sommer für mehrere Wochen unter einer Hitzewelle gelitten. Im südaustralischen Adelaide wurde an manchen Tagen bereits um zehn Uhr morgens die 40-Grad-Marke überschritten. In Melbourne, der Hauptstadt des Bundesstaates Victoria, fiel praktisch im gesamten Januar kaum ein Tropfen Regen. Auch in Australiens größter Stadt Sydney war es zeitweilig so heiß, dass Nahverkehrszüge wegen verformter Schienenstränge vorsorglich nur noch langsam fahren durften.

Heiße Sommer ist man in Australien zwar durchaus gewohnt, aber gerade für Melbourne und seine Umgebung war dieser Sommer äußerst ungewöhnlich. Man möge sich nichts daraus machen, wenn einem das Wetter in Melbourne nicht gefällt, denn es würde sich im Tagesverlauf noch mehrfach ändern, können Besucher der Stadt in ihren Reiseführern lesen.

Doch dieses Jahr änderte sich in Melbourne nichts. Von Anfang Januar bis in die zweite Februarwoche hinein war die Stadt ein einziger großer Glutofen, und mit jedem Tag der Hitzewelle stieg die Gefahr von Waldbränden in den Außenbezirken der Millionenmetropole weiter an.

Es kann daher niemand behaupten, die Feuer hätten Australien völlig unerwartet getroffen, ganz im Gegenteil. Bereits zwei Tage vor den verheerenden Bränden des 7. Februar hatte der Feuerwehrchef von Victoria gewarnt, dass Temperaturen von um die 46 Grad und kräftige Winde über ausgetrocknetem Land eine extreme Brandgefahr bedeuteten. Einen Tag vor der Katastrophe rief der Ministerpräsident des Bundesstaates die Bewohner von Melbourne auf, nach Möglichkeit in ihren Häusern zu bleiben und sich im Übrigen auf die schwersten Brände in der Geschichte Victorias vorzubereiten.

Doch alle Vorwarnungen und ein nie zuvor gesehenes Aufgebot an Feuerwehr, Militär und Polizei konnten nicht verhindern, dass eine Fläche von 4500 Quadratkilometern zu einem Raub der Flammen wurde. Nichts konnte die Flammenwand aufhalten, die sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 50 Kilometern in der Stunde durch die trockenen Eukalyptuswälder fraß.

Es ist die Mischung aus der prinzipiellen Vorhersehbarkeit der Katastrophe und ihrem kaum zu fassenden Ausmaß, die die Australier erschüttert hat. Dies umso mehr, als Australien durchaus lange Erfahrungen mit Buschbränden hat. Die alljährlichen Feuer in den weiten Waldgebieten des Kontinents gehören zu Australien wie Koalas und Kakadus. Ja, sie sind sogar ein notwendiger Bestandteil der australischen Natur, die sich auf diese Art und Weise regelmäßig erneuert.

Nur waren die diesjährigen Buschfeuer kaum mit gewöhnlichen Buschbränden zu vergleichen, deren Geruch jeder Australier aus eigener Erfahrung kennt. Sie waren größer, schneller, unberechenbarer – und tödlicher. Gerade weil sie so ungewöhnlich waren, suchen die Australier nun nach Erklärungen für die Katastrophe. Doch ist die Spurensuche in der Asche von Victoria alles andere als einfach.

Die vordergründig plausibelste Erklärung ist der Klimawandel. Während Klimaforscher ausgesprochen zurückhaltend waren, einen Zusammenhang zwischen der Erderwärmung und den Buschbränden herzustellen, hatten australische Politiker in dieser Hinsicht weniger Hemmungen. Bob Brown, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Senat, mahnte stärkere Anstrengungen in der Klimapolitik an, während Tausende seiner Landsleute noch auf der Flucht vor den Flammen waren. Ähnlich äußerten sich später auch der Klimaberater der australischen Bundesregierung Ross Garnaut und prominente australische Umweltaktivisten.

Nur leider ist die Beweislage für eine durch den Klimawandel ausgelöste Katastrophe vergleichsweise dürftig. Zwar ist es richtig, dass die Wetterlage in diesem Jahr sehr ungewöhnlich war, aber eben doch nicht ganz beispiellos. Bereits 1939 hatte es in Victoria Buschbrände gegeben, die von Temperaturen um 45 Grad begünstigt wurden. Damals brannte sogar ein noch größeres Gebiet ab als in diesem Jahr. Bei Bränden im Jahr 1851 hatten die Temperaturen sogar bei 47 Grad gelegen. Obwohl es zutrifft, dass sich Australien in den vergangenen Jahrzehnten leicht erwärmt hat, muss man daher feststellen, dass es vergleichbare extreme Wetterereignisse dort schon häufiger gegeben hat.

Was die Feuer in diesem Jahr jedoch von vorherigen Katastrophen unterschied, war die Intensität der Brände. Augenzeugen berichteten davon, dass die abgebrannten Ortschaften wie nach einer Atombombenexplosion aussahen. Damit lagen sie wahrscheinlich nicht einmal ganz falsch, wenn man dem Umweltforscher David Packham von der Monash University in Melbourne glauben darf. Er berechnete, dass die in den Feuern freigesetzte Energie jener von 660 Hiroshima-Bomben entsprach.

Dabei hatten Forscher wie Packham schon seit Jahren vor einer solchen Katastrophe gewarnt, für die sie besonders eine falsche Bewirtschaftung des Buschlandes verantwortlich machten. In früheren Zeiten, sogar schon vor der europäischen Besiedlung des Landes, hatte man regelmäßig Waldflächen kontrolliert abgebrannt, um die Ansammlung größerer Mengen brennbarer Materialien zu verhindern. Dadurch konnten die Brennstoffe und damit die Gefahr verheerender Buschbrände reduziert werden. In den vergangenen Jahren habe man das sogenannte Backburning aber immer mehr vernachlässigt, klagt Packham. So sammelten sich in Victoria pro Hektar bis zu 30 Tonnen an Brennholz und Laub an. Aber bereits ab acht Tonnen gelten Buschfeuer als nur noch schwer zu kontrollieren, was denn auch die Heftigkeit erklärt, mit der die Brände am vergangenen Wochenende wüteten.

Dass die rechtzeitige Beseitigung von Brennstoffen insbesondere in den Nationalparks eine wichtige Voraussetzung für die Verhinderung von Brandkatastrophen ist – eine neue Erkenntnis ist dies nicht. Bereits nach schweren Bränden um die australische Hauptstadt Canberra im Jahr 2003 kam eine Untersuchungskommission zu der Empfehlung, in Zukunft wieder mehr kontrolliert abzubrennen. In der Praxis änderte sich allerdings nichts, was wohl auch daran lag, dass gerade das Abbrennen von Nationalparks kaum je eine populäre Politik ist.

Vor allem aber verträgt sich das „Backburning“ nicht mit einem neuen Trend, der in den vergangenen Jahren viele Familien aus den Städten ins Buschland um die australischen Metropolen gezogen hat. Zum einen galt es als chic und naturverbunden, der grauen Stadt den Rücken zu kehren und im Grünen zu wohnen. Zum anderen lockten dort aber auch günstige Hauspreise, während bezahlbarer Wohnraum gerade für junge Familien in den Metropolen knapp geworden war.

Nur führte dies auch dazu, dass die neuen Buschbewohner mit den Gefahren des Buschs praktisch überhaupt nicht vertraut waren. Es mag idyllisch und friedlich aussehen, inmitten großer Eukalyptuswälder zu leben und quasi mit den Kängurus zu frühstücken. Die damit verbundenen Gefahren und wie man mit ihnen umgeht, verstehen die ehemaligen Stadtmenschen aber oft kaum – bis es zu spät ist. Der Chef der Feuerwehr von Victoria warnte denn auch, er könne und wolle nicht mehr für die Sicherheit derjenigen garantieren, die freiwillig in solche besonders von Buschfeuern bedrohte Gegenden ziehen.

So wird es noch lange dauern, bis die Australier die Lektionen aus den jüngsten Buschbränden gelernt haben. Im Moment sind sie sich nicht einmal einig, ob es sich um eine Naturkatastrophe oder nicht doch um menschliches Versagen handelte.

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