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Konkurrenz um Indien

Published in Neugier.de (Berlin), 6 October 2010
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neugierde_titelbild_w204Indien — das ist ein Land, das ich bislang nur von meist nächtlichen Überflügen kenne, wenn ich wieder einmal zwischen meiner ersten Heimat Europa und meiner zweiten Heimat Australien unterwegs bin. Auch wenn ich das Land selbst nicht kenne, so kenne ich doch genügend Inder. Und getroffen habe ich sie weniger in Europa, dafür umso mehr in Australien. Unser Haus in Sydney haben wir von einer indischen Familie gemietet; die Lektorin in unserem Think Tank ist Inderin; und das hervorragende Nilgiri’s auf der Lower North Shore ist längst zu unserem Lieblingsrestaurant geworden. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass sich für Australier Besuche in Indien erübrigen, denn Indien ist auf dem besten Wege, gleich nach Australien zu ziehen.

Australien hat als klassisches Einwanderungsland schon lange Migranten aus aller Herren Lander angezogen. Aber in den vergangenen Jahren sind die Inder dabei eine immer größere Gruppe geworden. Das fängt mit indischen Studenten an. Kaum ein anderes Land, von den USA einmal abgesehen, lockt wohl derzeit so viele indische Studenten an seine Universitäten wie Australien. Seit sich in Indien herumgesprochen hat, dass es sich in Down Under gut studieren lässt, ist Bildung zum australischen Exportschlager geworden. Der Universitätssektor weist einen größeren Anteil an Australiens Exporterlösen auf als etwa die traditionell starke Landwirtschaft oder der boomende Bergbau. „Inder, die in Australien studiert haben, pflegen in ihrem späteren Berufsleben häufig geschäftliche Kontakte mit Australien”, sagt Pramit Pal Chaudhuri, der Außenpolitikchef der Hindustan Times. „So werden durch das Studium langfristige Beziehungen zwischen den Ländern aufgebaut.”

Europa spielt dagegen eine immer geringere Rolle. Eine in Australien lebende Inderin erklärte mir diese Umorientierung vor kurzem einmal so: Noch vor ein oder zwei Generationen gehörten Studienaufenthalte in Europa, vor allem in England, zu den Idealvorstellungen vieler Inder. Heute sei das anders: Studieren könne man besser in Australien, Geschäfte mache man lieber mit Amerika, und Europa interessiere fast nur noch als Kulisse far Bollywood-Filme. Dass dies für Europa eine bedenkliche Entwicklung ist, dürfte spätestens in wenigen Jahren deutlich werden, wenn der alternden europäischen Bevölkerung ein Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften droht. Dann wird Indien zwar über eine große, gut ausgebildete Mittelschicht verfügen, die aber um Europa einen Bogen macht und ihre Zukunft lieber in Amerika, Asien und Australien sucht. Ob sich dann noch jemand in Deutschland daran erinnert, dass man sich dort in Wahlkämpfen einst „Kinder statt Inder” wünschte? Wenn Deutschland sein gegenwärtiges Niveau und gut ausgebildete Fachkräfte halten will, dann muss es künftig 150.000 ausländische Talente im Jahr einbürgern — statt wie bisher 500 — and obendrein 140.00 der eigenen Besten vom Weggehen abhalten.

Der Autor ist ein in Sydney lebender Deutscher und arbeitet dort am Centre for Independent Studies, dem größten Think Tank des Landes.

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