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Die grünen Geister, die Frau Thatcher mit ihrer Klimadebatte rief

capital-portraitPublished in Capital (Cologne) 09/2007, 12 April 2007

Was war wohl der größte britische Exporterfolg der vergangenen Jahrzehnte? Nein, es war weder Twinings Tea noch der Mini Cooper und erst recht nicht die Burberry-Handtasche. Die richtige Antwort lautet: die Angst vor der Klimakatastrophe.

Was heute täglich und weltweit für neue Schlagzeilen sorgt, begann seinen Siegeszug durch Politik und Medien vor fast 30 Jahren in Großbritannien. Die Sorge um das Weltklima ist „Made in Britain“.

Kein anderes Land hat der internationalen Umweltbewegung so viel Auftrieb gegeben wie Großbritannien, obwohl manche ausländische Beobachter mit England wahrscheinlich immer noch rauchende Schornsteine in Manchester oder den berühmten Londoner Nebel assoziieren. Doch diese Vorstellung entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Seit der großen Londoner Smogkatastrophe von 1952, die Tausende Opfer forderte, hat Großbritannien den Zustand der Umwelt deutlich verbessert.

In gewisser Weise ist es daher nur konsequent, dass die Briten jetzt versuchen, beim Klimaschutz eine globale Vorreiterrolle zu übernehmen – zuletzt mit einem Gesetzentwurf der Blair-Regierung, der drastische Kohlendioxideinsparungen bis zum Jahr 2050 verbindlich festlegt. So weit, so gut. Doch der Kampf gegen die Treibhausgase hat längst nicht immer etwas mit der Sorge um die Umwelt zu tun, wie exemplarisch die britische Klimapolitik zeigt.

Ironischerweise begann ihre Renaissance in den 70er- und 80er-Jahren nicht als außerparlamentarische Bewegung, sondern mit einer Politikerin, die mit den Ökoaktivisten, die auf dem Kontinent den Marsch durch die Institutionen angetreten hatten, nicht das geringste gemein hatte. Die Rede ist von Margaret Thatcher. Als sie 1979 Premierministerin wurde, war die Energieversorgung ein zentrales politisches Problem.

Zwei Ölkrisen hatten die Abhängigkeit von Importen aus dem Nahen Osten schmerzlich vor Augen geführt. Zudem hatte Thatcher nicht vergessen, dass die Regierung ihres konservativen Vorgängers Ted Heath vor allem an den unberechenbaren Streiks der Kohlekumpel gescheitert war. Um sich aus den Abhängigkeiten von Öl und Kohle zu befreien, setzte Thatcher von Anfang an auf einen Ausbau der Kernenergie, auch wenn diese Technologie wenig populär war. Da traf es sich gut, dass Thatcher von der Möglichkeit eines von CO2-Emissionen ausgelösten Klimaproblems erfuhr. Sie war nur am Thema interessiert, verriet Lord Nigel Lawson, damals Energieminister, kürzlich in einem Interview, um den Kernenergieplänen Auftrieb zu verschaffen. So setzte sich Thatcher auf internationalen Konferenzen für den Klimaschutz ein und stellte viel Geld für die Erforschung der Treibhausgase zur Verfügung.

Bekanntlich brach die Eiserne Lady die Macht der Bergarbeitergewerkschaft und steigerte während ihrer Amtszeit den Anteil der Kernenergie an der britischen Elektrizitätserzeugung von zwölf auf etwa 19 Prozent. Dort ist er seitdem allerdings auch verblieben: Zuletzt ging ein Reaktor im Jahr 1995 ans Netz, eine Reihe älterer Kraftwerke wurde inzwischen abgeschaltet. Gleichzeitig entwickelte das Klimathema eine Eigendynamik, die Thatcher nicht vorausgeahnt hatte.

Auch die heutige Generation britischer Politiker missbraucht den Umweltschutz für ganz andere Zwecke. In den nächsten Jahren müssen eine Reihe von Großkraftwerken altersbedingt vom Netz genommen werden. Ihr Abschalten droht eine Versorgungslücke zu reißen, die bis zu 20 Prozent des britischen Strombedarfs ausmachen könnte. Die Labour-Regierung will die Lücke sowohl mit neuen Kernkraftwerken als auch durch Senkung des Energieverbrauchs schließen. Die Schreckensszenarien eines Klimawandels sind da eine willkommene Argumentationshilfe: Mit Schlagzeilen wie „Welcome to Oxford-on-Sea“ – Willkommen in Oxford am Meer – lassen sich auf der Insel Urängste mobilisieren. Dabei entzieht der Weltklimarat diesen mit seinen Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels die Grundlage.

Die oppositionellen Konservativen wiederum haben den Klimawandel aus ganz anderen Gründen für sich (wieder-)entdeckt. Die Tories leiden bislang daran, dass sie vor allem als wirtschaftsliberale Partei wahrgenommen werden. Konservativen-Chef David Cameron hat das Umweltschutzthema als Chance zur Neupositionierung erkannt und seiner Partei ein grünes Image verpasst. Dazu gehören auch eine Windturbine auf dem Dach seines Hauses in Notting Hill und demonstratives Radfahren zum Parlament. Die Akten werden Cameron allerdings per Dienstwagen hinterhergefahren, und der Londoner Westen, wo er wohnt, entpuppt sich als vergleichsweise windstill.

Zwischen den großen britischen Parteien hat sich seit Camerons Amtsantritt ein Wettkampf um die umweltfreundlichste Ausrichtung ergeben. Sie erwarten, dass damit künftig Wahlen entschieden werden. Schlägt die Regierung Fünf-Jahres-Pläne für CO2-Emissionen vor, verlangen die Konservativen jährliche Ziele. Erhöht die Regierung die Umweltabgaben auf Flugtickets auf zehn Pfund, denken die Konservativen gleich über eine Rationierung von Flugreisen nach. Will die Regierung 60 Prozent des CO2-Ausstoßes bis 2050 einsparen, hält die Opposition mindestens 80 Prozent für notwendig.

Nicht allein die Politiker instrumentalisieren das Klimathema für sachfremde Ziele. Der Ökonom Roger Bootle stellte jüngst fest, unter dem Banner des Umweltschutzes hätte sich eine Koalition von Gruppen zusammengefunden, denen niedrige Steuern, Individualismus, Wirtschaftswachstum und Globalisierung schon immer suspekt waren. Der Klimawandel bietet da eine neue Rechtfertigung für Forderungen nach einem stärkeren Staat.

Das Umweltthema ist auch gut fürs Geschäft. Bilder von angeblich bedrohten Polarbären auf schmelzenden Eisschollen steigern den Absatz von Presseprodukten: Tatsächlich hat sich der Bestand der Tiere in den letzten ahrzehnten vervierfacht. Ein grüner Anstrich ist zudem ein wichtiges Marketinginstrument geworden. Toyota etwa bewirbt fast nur noch sein Hybridauto Prius, auch wenn davon kaum 5000 Exemplare verkauft wurden.

Thatcher hingegen findet sich heute in der Rolle des Zauberlehrlings wieder, der die Geister nicht mehr loswird, die er gerufen hat. In ihrem letzten Buch „Statecraft“ beklagt sie, dass der Klimawandel einen hervorragenden Vorwand für die Einführung eines weltweiten, supranationalen Sozialismus liefere – den sie als Premierministerin stets bekämpft hatte.

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