Neue Versuchungen der Unfreiheit

Albrecht Dürer: Erasmus von Rotterdam am Schreibpult, Kupferstich, 1526
Albrecht Dürer: Erasmus von Rotterdam, 1526

Published in Weiterdenken (Stuttgart), issue 4/2026, November 2026

Vor zwei Jahrzehnten fragte Ralf Dahrendorf, was Intellektuelle gegen totalitäre Versuchungen immun macht. Heute stellt sich seine Frage neu: Warum billigen liberale und konservative Denker den Regelbruch, sobald die eigene Seite ihn begeht? Eine persönliche Erinnerung an Dahrendorf und eine Antwort mit dem Historiker Niall Ferguson als Prüfstein.

Anfang 2004 schrieb ich einen Brief an einen Mann, den ich nicht kannte. Ich hatte gerade promoviert, wollte nach London ziehen und fand keine Arbeit. Bei einem Schultreffen in Essen gab mir meine frühere Englischlehrerin, Frau Voß, einen Rat: Schreiben Sie doch Lord Dahrendorf, vielleicht braucht er Unterstützung im House of Lords.

Der Vorschlag schien vermessen. Dahrendorf hatte die London School of Economics geleitet, ein Oxford-College geführt und saß im britischen Oberhaus. Ich schrieb trotzdem, und eine kurze E-Mail kam zurück: Man könne sich treffen, sobald ich in London sei. Als der Termin dort auf sich warten ließ, gab ich meine Dissertation, 619 Seiten stark, am Lieferanteneingang des Palace of Westminster für ihn ab. Wenige Tage später rief sein Büro an. Er hatte das Buch gelesen.

Er führte mich durch den Palast, wir tranken English Breakfast Tea in einer Cafeteria des Oberhauses, und er fragte, wo ich mich in fünf Jahren sähe. Am Tag darauf meldete sich das Büro der liberaldemokratischen Fraktion: Dahrendorf hatte mich seinen Fraktionskollegen empfohlen, und Lord Oakeshott suchte einen Assistenten für die Rentenreform. Später öffnete er mir noch eine Tür zu meiner ersten Kolumne im Wirtschaftsmagazin Capital. Dahrendorf hatte auf einen Brief geantwortet, den er nicht hätte beantworten müssen.

Dahrendorfs Frage

Ein Jahr nach unserer Begegnung, im Januar 2005, hielt Dahrendorf am Wissenschaftszentrum Berlin die Vorlesung „Versuchungen der Unfreiheit“1. Die übliche Frage lautet, warum so viele Intellektuelle dem Kommunismus oder dem Faschismus erlagen. Dahrendorf drehte sie um: Wer widerstand, und was schützte ihn?

Sein Vorbild fand er fünf Jahrhunderte früher. Als die Reformation von jedem denkenden Menschen verlangte, sich zwischen Luther und Rom zu entscheiden, verweigerte sich Erasmus von Rotterdam: „Ich liebe die Freiheit, und ich will nicht und kann nicht irgendeiner Partei dienen.“ Luther beschimpfte ihn dafür als „bloßen Zuschauer unserer Tragödie“. Nach diesem Vorbild nannte Dahrendorf die Widerstandsfähigen des 20. Jahrhunderts Erasmier: Karl Popper etwa, Raymond Aron oder Isaiah Berlin.

Vier Eigenschaften zeichneten sie für ihn aus: der Mut, die Freiheit notfalls in Einsamkeit zu vertreten, die Fähigkeit, mit Widersprüchen zu leben, die Haltung des engagierten Beobachters und die „leise Passion der Vernunft“. Das sind Disziplinen, keine Charakterzüge. Denn die totalitäre Versuchung bot, was viele ersehnten: Gewissheit, Zugehörigkeit, die Wärme der marschierenden Kolonne.

Organisierte Umwege

Als Dahrendorf sprach, schienen die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts erledigt. Er sah dennoch, vorsichtig formuliert, Zeichen einer neuen Gegenaufklärung. Zwei Jahrzehnte später hat sie Zahlen: Nach V-Dems Klassifikation lebten 2025 rund 74 Prozent der Weltbevölkerung in Autokratien, gegenüber 50 Prozent im Jahr 2005. Der Anteil in liberalen Demokratien fiel zugleich von 17 auf 7 Prozent (Dar. 1)2. Die Freiheit zieht sich auch dort zurück, wo weiterhin gewählt wird.

Liniendiagramm nach V-Dem: Der Anteil der Weltbevölkerung in Autokratien steigt von rund 50 Prozent 2005 auf rund 74 Prozent 2025, mit einem Sprung 2017, als Indien als Wahlautokratie eingestuft wird. Der Anteil in liberalen Demokratien fällt von 17 auf 7 Prozent.
Dar. 1: Anteil der Weltbevölkerung nach Regimetyp, 2005–2025

Die neue Unfreiheit tritt selten als geschlossene Lehre auf. Sie verspricht eine Abkürzung. Die liberale Demokratie ist ein System organisierter Umwege: Parlamente beraten Gesetze, Gerichte prüfen sie hinterher, und die Opposition darf laut sagen, dass alles falsch ist. Das kostet Zeit, und genau darin liegt der Zweck, denn eine Mehrheit soll regieren können, ohne unumschränkt zu herrschen. Wem die Umwege lästig sind, dem bieten starke Männer an, sie wegzuräumen.

Der Unmut darüber hat Gründe, weil die Umwege zu oft nirgends hinführen. In vielen westlichen Demokratien wuchsen Aufgaben und Regeln des Staates, während seine Fähigkeit schrumpfte, Wohnungen, Infrastruktur oder funktionierende Schulen zu liefern. Der Populismus beginnt deshalb mit einer berechtigten Frage: Wer entscheidet hier, und wer steht dafür gerade? Institutionen verdienen Loyalität erst, wenn sie unparteiisch arbeiten, Irrtümer korrigieren und Ergebnisse vorweisen. Doch wer Behörden, Zentralbank und Gerichte auf persönliche Treue verpflichtet, ersetzt Kontrolle durch Gefolgschaft, und Fehler werden teurer, weil niemand mehr widersprechen darf.

Die Abkürzung ist dabei kein Monopol der Populisten. Auch technokratische Politik kürzt ab, wenn sie Wertentscheidungen zu Sachfragen erklärt und den Wählern nur Alternativen ohne Unterschied lässt.

Wenn die eigene Seite Regeln bricht

Bei Dahrendorfs Warnung denke ich heute vor allem an liberale und konservative Intellektuelle, die den Rechtsstaat jahrzehntelang verteidigten und Ausnahmen machen, seit die „eigene Seite“ ihn verletzt. Der Historiker Niall Ferguson zeigt, wie dieser Weg verläuft.

Im Januar 2021 nannte Ferguson den Sturm auf das Kapitol einen Putschversuch wie in einer Bananenrepublik. Politiker, die ihn nicht verurteilten, sollten in der Demokratie keine Zukunft haben.3 Fünf Jahre später feierte er Donald Trumps Drohkulisse in Davos in der Free Press unter der Überschrift „How Trump Won Davos“4. Gedeutet hat er sie mit dem Melierdialog des Thukydides: „Die Starken tun, was sie können, die Schwachen erleiden, was sie müssen.“

Ein Historiker seines Ranges kennt den Fortgang. Athen siegte auf Melos, überhob sich gleich darauf in Sizilien und kapitulierte binnen zwölf Jahren vor Sparta. Thukydides schrieb den Dialog als Anklage der reinen Machtpolitik, nicht als ihre Rechtfertigung. Ferguson bricht die Analogie dort ab, wo sie unbequem wird.

Andere entschieden anders und zahlten dafür. Der Kolumnist George Will verließ 2016 nach Jahrzehnten die Republikanische Partei. Bill Kristol sah den von ihm gegründeten Weekly Standard eingehen, weil das Magazin sich nicht anpassen wollte. Zwang war nirgends im Spiel. Es genügten Einladungen, Reichweite und der Beifall des eigenen Lagers oder eben die Angst vor deren Verlust.

Die Namen sind amerikanisch, das Muster kennt Europa auch. Das Argument der Angepassten lautet überall gleich: Die Gegenseite sei die größere Gefahr, also sei das Bündnis mit jedem erlaubt, der sie bekämpft. Illiberale Reflexe gibt es tatsächlich auch links. Aber dieselbe Logik führte Intellektuelle einst zu Stalin, weil sie den Faschismus hassten, und zu Mussolini, weil sie den Kommunismus fürchteten. Bildung schützt vor dieser Versuchung nicht; sie liefert nur elegantere Begründungen.

Die leise Passion der Vernunft

Dahrendorf war alles andere als unpolitisch. Er hatte im Bundestag gesessen, in Brüssel als EG-Kommissar gearbeitet und in zwei Ländern für liberale Parteien gestritten. In seinen letzten Jahren aber verließ er die liberaldemokratische Fraktion im Oberhaus und saß dort fortan als unabhängiger Crossbencher, also als Fraktionsloser. Engagement ja, hieß das, aber mit Abstand zum eigenen Lager.

Dem SPIEGEL sagte er 2001, er sei in Deutschland und England gut behandelt worden, doch in Deutschland fehle ihm „die Atemluft der Freiheit“5. Ich kenne diese Atemluft. Ich habe sie zuerst als Doktorand in Sydney geatmet, dann in London, dann wieder in Sydney und heute in Wellington, und sie ist der Grund, warum ich im englischsprachigen Ausland geblieben bin.

Die Antwort auf die neuen Versuchungen liegt nicht bei starken Männern. Demokratien müssen wieder liefern, damit sich ihre Umwege lohnen, und zugleich gebunden bleiben, weil niemand weiß, wer morgen regiert.

Der Mann, der einem Unbekannten aus Essen antwortete, verlangte dafür keine Gefolgschaft. Er wollte ermutigen, was ihm als intellektueller Ernst erschien. Diese Schuld kann ich nicht zurückzahlen. Aber die Idee, für die Dahrendorf stand, lässt sich verteidigen.

Literatur

  1. Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit. Erasmus-Intellektuelle im Zeitalter des Totalitarismus, WZB-Vorlesungen 12, Berlin 2005; erweitert in: Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2006.
  2. Marina Nord, David Altman, Tiago Fernandes, Ana Good God, Staffan I. Lindberg: Democracy Report 2026. Unraveling The Democratic Era?, Göteborg 2026, S. 5.
  3. Niall Ferguson auf X (damals Twitter), 6. Januar 2021, https://x.com/nfergus/status/1346937238001569794 (letzter Abruf am 30.7.2026).
  4. Niall Ferguson: How Trump Won Davos, https://www.thefp.com/p/niall-ferguson-how-trump-won-davos (letzter Abruf am 30.7.2026).
  5. Gerhard Spörl: „Als die Gestapo mich abholte“. SPIEGEL-Gespräch mit Lord Ralf Dahrendorf, in: Der Spiegel, 23/2001.