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Der neue Untergang Roms – Europa vor der Demografiekrise

Published in Neue Zürcher Zeitung (Zurich), 22 April 2010 (PDF)
http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/der-neue-untergang-roms–europa-vor-der-demografie-krise-1.5506157

Generationen von Schulkindern haben gelernt, dass die europäische Geschichte mit Athen und Rom beginnt. In Zukunft wird ihnen ebenfalls beigebracht werden, dass an diesen Orten auch das Ende Europas seinen Anfang nahm. Denn Europa steht nicht nur vor der Schuldenkrise, sondern auch vor der Demografie-Krise.

Griechenlands Haushaltkrise zeigt, dass die Haltbarkeitsfrist des allumsorgenden Fürsorgestaats abgelaufen ist. Es ist nicht so, dass Europas Politiker keine Wohltaten mehr versprechen wollen. Sie können solche Versprechen aber aufgrund fehlender Finanzierbarkeit nicht mehr halten. Athens finanzpolitische Nahtoderfahrung ist ein Vorgeschmack darauf, was den meisten europäischen Staaten in den nächsten Jahren noch bevorsteht. Allerdings zeichnet sich ein noch viel grösseres Problem am europäischen Horizont ab. Die Rede ist vom demografischen Erdbeben, das die Fundamente der europäischen Gesellschaft erschüttern wird. Um dessen erste Erschütterungen zu fühlen, bietet sich ein Besuch in Italien an.

Das Klischee von Italien ist das des «bel paese». Dazu gehört die Vorstellung der italienischen Familie, in der stets eine resolute Mamma ihre zahlreichen Bambini im Griff hat. Doch diese typisch italienische Familie ist mittlerweile nur noch ein Stück nostalgischer Folklore. Europa wird immer älter, aber Italien ist seinen Nachbarn diesbezüglich weit voraus. Im Jahr 2005 betrug das Durchschnittsalter in Europa 38,9 Jahre. Zum Vergleich: In Nordamerika waren es im Schnitt nur 36,3 Jahre, in Asien 27,6 Jahre und in Afrika gar nur 19,0 Jahre. Italien spielt mit seinem Durchschnittsalter von 42,3 Jahren demgegenüber in einer ganz anderen Liga. Die Nation der Bambini ergraut.

Wenn man es positiv sehen möchte, dann kann man feststellen, dass Italiener weltweit mit die höchste Lebenserwartung haben: 78 Jahre für Männer und stolze 84 Jahre für Frauen. In der italienischen Lebensart muss es etwas geben, das höheren Lebenserwartungen zuträglich ist. Es mag daran liegen, dass Italiener sich nicht allzu viele Sorgen um die Zukunft machen, auch wenn sie durchaus Anlass dazu hätten. Die hohe Lebenserwartung ist jedenfalls nicht der wichtigste Faktor hinter der gesellschaftlichen Alterung. Der eigentliche Grund ist die abnehmende Fertilität.

Italien war tatsächlich einmal ein Land mit vielen Kindern. Noch 1964 hatten italienische Frauen durchschnittlich 2,7 Kinder. Seit den siebziger Jahren ist dieser Wert eingebrochen. Heute liegt er bei etwa 1,3 und damit deutlich unter jenem Level von 2,1 Kindern, der zur Bevölkerungserhaltung nötig ist. Warum die Fruchtbarkeit in Italien so sehr gefallen ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Kulturpessimisten wie Theodore Dalrymple lamentieren, dass moderne Europäer ihren materiellen Lebensstandard höher gewichten als alles andere. Jüngst schrieb er, dass Kinder den unmittelbaren Konsumwünschen der jungen Erwachsenen im Wege ständen und somit quasi gegen Fernreisen in exotische Länder eingetauscht würden.

Dass geringe Fertilität und materielle Lebensumstände etwas miteinander zu tun haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings liegen die Dinge anders als von Dalrymple angenommen. Mit materialistischer Gier hat die wachsende Kinderlosigkeit nicht unbedingt etwas zu tun. Eine Umfrage unter Frauen im Alter von 25 bis 39 Jahren in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ergab, dass es kein Land mit so vielen kinderlosen Frauen gibt wie Italien. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung aber auch, dass der Anteil der Frauen ohne Kinderwunsch in Italien viel niedriger ist als in anderen Ländern.

Das Paradoxon kann erklärt werden, wenn man sich die Lebensumstände der jungen Italiener vor Augen führt. Sie mögen immer noch in einem der wohlhabendsten (und schönsten) Länder der Welt leben, aber das Dolce Vita ist für sie zu einem unbezahlbaren Traum geworden.

Mieten in den Städten sind hoch, gute Jobs aber Mangelware. So wundert es wenig, dass junge Italiener immer länger bei ihren Eltern wohnen, teilweise bis Anfang dreissig. Von den 24- bis 29-Jährigen leben fast 62 Prozent im «Hotel Mama». Von diesen wiederum verdienen zwei Drittel weniger als 1000 Euro im Monat. Solche Italiener können sich eine Familiengründung kaum leisten. Sie haben genug damit zu tun, irgendwie über die Runden zu kommen.

Doch selbst wenn es gelänge, die Lage der jungen Generation zu verbessern und die Fertilität deutlich zu steigern, so liesse sich doch der Alterungs- und Schrumpfungsprozess der italienischen Bevölkerung nicht mehr aufhalten. Dafür sind die Bremsspuren der Demografie zu lang. Die Mütter, die heute benötigt würden, sind vor einer Generation nicht geboren worden. So ist es absehbar, dass Italien bis 2030 um zwei Millionen Einwohner schrumpfen wird. Gleichzeitig steigt das Medianalter auf über 50 Jahre an. Es braucht keine Phantasie, sich auszumalen, was das für den bereits heute stark verschuldeten italienischen Staat bedeutet. Sollte der Euro bis dahin überleben, wird ihm Italiens programmierte Demografie-Krise den Todesstoss versetzen.

Im europäischen Kontext sind die Italiener am weitesten fortgeschritten im demografischen Wandel. Aber andere Nationen wie Deutschland, Spanien oder auch Frankreich erleben ähnliche gesellschaftliche Umwälzungen.

Für die längste Zeit der Nachkriegsgeschichte hatten die Westeuropäer geglaubt, sie hätten sich einen bequemen, sicheren und wohlhabenden Kontinent geschaffen. Wie die griechische Krise gerade demonstriert, wurde dies mit laufenden Staatsdefiziten finanziert. Es ist jedoch die gesellschaftliche Alterung und Schrumpfung, die aus der Krise der öffentlichen Haushalte endgültig eine Schuldenkatastrophe machen wird.

Der Untergang des modernen Europa begann in Griechenland und Italien. Wenn italienische Schulkinder diese Lektion in Zukunft nicht lernen werden, dann nur deshalb, weil es dann kaum noch Bambini zu unterrichten geben wird.

Oliver Marc Hartwich ist Research Fellow am Centre for Independent Studies in Sydney, Australiens grösstem unabhängigem Think-Tank. Daneben ist er Kolumnist von http://www.businessspectator.com.au.

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